Pohlmann - König der Straßen

Aus dem Studio

15.05.2007

 

Man fragt mich gerade ob ich nicht mal wieder einen Tagebucheintrag schreiben könnte. Die Sachen, die ich schreibe, sind ja oft etwas länger. Wenn ich schon mal etwas schreibe, schaffe ich es nie, es beim „Alles wird toll, freut euch drauf, wir haben Spaß, das Essen ist lecker, die Tour ist super, ihr seid die Besten, bis bald und schöne Grüße, Euer Ingo“ zu belassen. Manchmal gibt es tatsächlich nicht mehr zu sagen - aber bevor ich damit anfange schreib ich lieber nix.

Und obwohl ich mich gerade in einer sehr spannenden Phase des musikalischen Schaffens befinde und sehr viele tiefe und auch verdammt lustige Dinge mit meiner Band hier im Studio erlebe, dessen Beschreibung ich euch schuldig bleibe, fiel mir in letzter Zeit nicht ein wie ich das beschreiben sollte. Vieles ist ja auch so Insider Zeug, das sich in einer Gruppe von Leuten entwickelt. Manchmal zeichnen wir diesen Helge Schneider Quatsch auf Band auf und wenn wir das irgendwem vorspielen, lachen wir immer wie die Kinder, während sich das arme Zuhör - Opfer ein gequältes Mitlachen rauspresst. Ich habe ein paar Videos gedreht - mal schauen wann ich mich traue etwas davon online zu stellen.

Ich möchte nicht zuviel über die Cd erzählen, die hier entsteht. Aber es wird sehr deep und sehr ehrlich. Ich habe eine Live Cd von Ben Harper geschenkt bekommen (Danke Matthias, du bleibst der Größte!!!) und Ben Harper sagt „You can´t fool music“. Das ist eines der Mottos der neuen Cd. Ein Motto von mir lautet: Zurück zu von selbst???. Wir sind gerade dabei für manche Stücke den Gesang aufzunehmen und wir entscheiden uns immer wieder nach 4-6 Stunden singen und aussuchen für den Track, der das meiste Gefühl bringt und nicht für den, der am besten gesungen ist. Oft ist das der erste Track oder sogar der Gesang des Demos, die wir im Februar gemacht haben. Wenn die Pfeile treffen sollen dann muss die Überzeugung rein und die steckt oft im naiven ersten Versuch. Wenn auch die erste Cd sehr gut war, diese wird etwas ganz ganz Besonderes. Wir haben vieles aus der Erfahrung, die wir live gemacht haben, mit reingebracht, und wer die Konzerte kennt, der weiß was ich meine. Es kommt noch mehr Seele und Kraft hinein.

Also zum heutigen Tag - es ist der 5. Mai. Der Tag war sehr intensiv und ich sitze gerade nachts in der Wohnung am Fenster und schreibe euch. Nachdem wir gestern in Riesa einen guten Gig gespielt haben und wir unser Studiodasein für einen Tag unterbrachen, war ich an der Reihe heute Morgen den Mietwagen zurückzubringen. Erstmal bin ich eine ganze Weile, geleitet vom Navi, den Kurfürstendamm rauf und runter geheizt um die Autovermietung zu finden. Straßennummer 101. Eigentlich kenne ich es so, dass die geraden und ungeraden Hausnummern jeweils auf die linke und rechte Seite aufgeteilt sind. Aber nicht so in Berlin, wie ich, verstört, den Verkehr mit einem Auge im Blick, feststellen musste. Und dieser Kurfürstendamm ist lang. Naja, nach einem Telefonat wies man mich darauf hin, dass der Laden in der Kurfürstenstraße war. Nachdem ich diese Aktion dann endlich erfolgreich hinter mich gebracht hatte, ging ich zur Gedächtniskirche, holte mir ein Eis und schaute mir die Leute an, die diesen „unheimlich“ schönen Frühlingsmaitag in der Sonne genossen. Gestern vor dem Gig hatte ich einige erschütternde Gespräche über das 3. und abschließende Protokoll des Klimagipfels. Mich stimmt diese Entwicklung sehr nachdenklich. Das war heute der erste dieser vielen schönen Frühlingstage, den ich nicht mehr genießen konnte. Eigentlich bin ich eh nur im Studio. Aber dieser Frühling ist mir etwas unheimlich und heute packte mich mein schlechtes Gewissen. So sehr ich mein Dasein als Mensch ja genieße, aber wir sind eine echte Pest für die Natur. Die Natur könnte ohne uns weit aus gesünder sein, aber es wäre niemand da, der sie zu schätzen weiß. Über diese Aussage kann man lange diskutieren - ich weiß....

Mich, wie eben viele andere, streifen doch immer wieder diese Gedanken. „Was kann ich tun“. Ja, und dann findet man ein bis zwei Tage Gefallen daran und bringt Mut auf was zu tun. Redet aufgeregt mit Freunden darüber, stellt aber schnell fest was für ein endloser Rattenschwanz an Veräderungen es mit sich bringt wenn man die Dinge bewusster angehen will. Bald fällt wieder der nächste Regen und alles ist wieder halb so schlimm.
Die Evolution hat mehr oder weniger durch „try and error“ den Menschen hervorgebracht. Ob ein größerer Plan dahintersteckt kann ich nicht sagen. Aber dieses Prinzip ist in unserem Verhalten eingebettet. Aus einigen Fehlern, die wir Menschen begangen haben, konnten wir lernen. Wenn es auch heute noch zu viele Kriege gibt, die dieses Urteil über uns verhöhnen, glaube ich, dass wir zum Beilspiel die Menschenrechte (immer gern genommen:) entwarfen, weil die Ungerechtigkeit vorher nicht mehr auszuhalten war. Dafür wurde auch Krieg geführt mal nebenbei gesagt.

Im kalten Krieg kam es zum Glück nicht zum Schlimmsten, weil der Respekt vor den Ausmaßen der Zerstörung sehr groß war. Es war jedoch sehr knapp. Aber man wusste: Wenn das losgeht kommt hier keiner lebend raus. Der Schaden war zu absehbar. Die Klimakatastrophe, die unseren Erdball und damit unser Leben bedroht, ist gegen den Kalten Krieg viel schleichender und deswegen viel gefährlicher. Wir werden vielleicht in der Sonne liegen und lachen - selbst noch an dem Tag, an dem eine Bombe fällt, die niemand hört; an dem Tag an dem wir nicht zurück können.

Tom Waits sagte in einem seiner Songs: „Well the world died screaming while I lay dreaming about you“.

Die Klimakatastrophe ist auch ein Fehler aus dem man irgendwann vielleicht mehr lernen kann. Und erst wenn es weh tut, erst wenn es richtig weh tut und man voller Verständnis und mit klarem Kopf bereit ist etwas zu tun, alles zu tun um das schlimmste abzuwenden, ist es höchstwahrscheinlich zu spät. Und weil der Mensch genau so funktioniert mach ich mir echte Sorgen. Mir kommen in diesen Tagen wieder diese Aufkleber der Grünen mit den Prophezeiungen der Hopi Indianer in den Kopf: „Erst wenn der letzte Baum gerodet...“ usw. - Ihr kennt die ja. Und ich wenn ich mein Verhalten so beobachte, bin auch ich ziemlich Umweltschwein - mäßig unterwegs. Ich dusche zu lang, ich kurve mit nem dicken Benz den Kurfürstendamm rauf und runter und ich fliege in den Urlaub mit nem Flugzeug. Meine Klamotten kommen zum größten Teil aus Billiglohnländern. Ich esse Fast Food auf Tour bei Fuck Mc Donalds.

Ich versuche wenigstens kein Fisch mehr zu essen, weil die so überfangen sind, dass demnächst ganze Arten von der Bildfläche verschwinden. Ich liebe Sushi. Aber der Tuhn, der dafür gefangen wird, ist vom Aussterben stark bedroht, weil die Sushi - Läden überall auf der Welt expandieren. Daher esse ich es nicht mehr. Wenn man sich anschaut wie viel Tonnen von Beifang wieder als Müll ins Meer geschüttet werden damit man ein par Kilo Krabben aussortiert für unser Sonntagsfrühstück.

Und was für herrliche Tiere die als Müll an Deck krepieren lassen… Ich will hier nicht den Moralapostel spielen.
- Aber es ist gerade die Zeit für ein schlechtes Gewissen. Wir stecken tief in (der...) diesen Strukturen von Ungerechtigkeit und Zerstörung. Und damit wir unsere Lebensqualität erhalten können, schaut man nicht richtig hin. Manchmal ist man ein bisschen erschüttert, schüttelt mit dem Kopf und macht weiter wie bisher. Vielleicht kann man ja klein anfangen und erst mal eine Sache für sich anpacken, die man verändert. Alles geht gar nicht - man wird erschlagen von den Fehlerquellen, wenn man genauer hinschauen will. Aber haben wir die Zeit dazu langsame Schritte zu gehen? eigentlich „unternehmen“

Ich vergesse so schnell gute Vorsätze wie ich sie getroffen habe. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil die Gewohnheit und die Faulheit diese Gedanken schnell verschleiern und man geht alte Wege ohne es zu merken. Die Regierungen müssen etwas machen, das unser Tun in richtige Bahnen lenkt. Das kostet Geld und das kostet den Politikern Ansehen, glauben sie. Obwohl sie sich so viel Ansehen verdienen könnten.
Die Beschlüsse müssen erst durch die bürokratische Maschinerie und bis demokratische Einigung erlangt ist, fließt weiterhin viel Mist in den Rhein.

Ich habe in der BZ gelesen, dass mit der Ökosteuer, die wir zahlen, größtenteils die Rentenkassen saniert werden. „Rentenkassen sanieren“ - trockenes Thema - wen interessiert das denn?! Da wird dir gesagt du zahlst Ökosteuer und du freust dich, weil etwas sinnvolles mit dem Geld geschieht, dabei bügeln sie mit dem Geld Fehler aus, die nichts mit damit zu tun haben. Was für ne Verarsche.

In einer Zeitung sehe ich vor ein paar Wochen einen dieser vielen völlig hirnverbrannten Riesenartikel über Knut, den langweiligen Eisbären Knut, und eine Seite weiter einen minikleinen Bericht über das diesjährige Hinschlachten von wieder über 200.000 Robben in Kanada.

Knut, dieser von Mama verlassene Knuddeleisbär ist das perfekte „heile Welt“- Drama. Mitleid mit dem kleinen Bären um die wirklich wichtigen Dinge nicht sehen zu müssen.

Mir fiel da eine phantastische Titelseite für das Satireblatt „Titanic“ ein, mit dem Titel „Knut als Hut“ auf dem Kopf einer russischen Prostituierten. Russland und China sind, glaube ich, Hauptabnehmer der Felle aus Kanada.

Es gibt Tage da ist die Stimme gut, aber dir fehlt das Gefühl für das Lied. Die Stimme hat dann manchmal die Kraft das Lied zu öffnen. Es gibt Tage da bist du fertig und heiser, fühlst dich klein und doof, aber du bist voller Gefühl... Das Gefühl wird deine Stimme öffnen. Heute war so ein Tag. Im Anschluss an meinen Berlintrip habe ich heute im Studio zwei Lieder eingesungen, die mein derzeitiges Gefühl spiegeln. War der richtige Tag für diese Songs, was mich eigentlich in den nächsten Konflikt bringt: Wie kann man es wagen aus dieser Sache was für sich raus zu schlagen... Aber so ist das nun mal als Sänger. Man beutet seine Gefühle aus. Dämon, gib uns frei. Ich hoffe ihr könnt mir noch folgen...

Bis bald mal wieder,

Euer Ingo. Po

 

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