MADAGASKAR TAG 3
24.02.2009
Hi liebe Freunde und liebe Kupferstecher!
Ich hatte ja einiges in der letzten Zeit zu tun mit "Texte schreiben, Platte machen" und bin auch noch nicht fertig damit.
Im April machen wir nochmal 2 Wochen und dann ist es wohl geschafft das neue Werk.
Ich habe ja schon einiges dazu geschrieben, daher will ich mich nicht weiter wiederholen. Es sei nur so viel gesagt: wir sind gut davor.
Mehr darüber erzähle ich dann im April.
Jetzt da ich wieder mal ein gutes Stück älter geworden bin, habe ich etwas Luft und es ist an der Zeit, um an meinem Madagaskarbericht zu arbeiten.
Ich sehe noch viel weißes virtuelles Computerpapier unter den Zeilen, die ich gerade schreibe - wenn ich aber auf meine Aufzeichnungen schaue, die ich in Madagaskar gemacht habe, gibt es wohl noch einiges zu tun.
Wir sind wohl zu einer politisch brisanten Zeit da gewesen, wenn man sich die jüngsten Entwicklungen anschaut.
Es hat vor kurzem einen Bürgerkrieg in Antananarivo gegeben, bei dem es bis jetzt ca. 68 Tote gibt.
Der Bürgermeister hat sich mit der Unterstützung des Volkes gegen den Präsidenten aufgelehnt. Der hatte sich gerade einen neuen Jet im Wert von 60 Millionen Dollar gekauft. Wie schon in den letzten Berichten erwähnt, waren es teilweise sehr schlimme Zustände in der Hauptstadt. 80% der Menschen in Madagaskar leben an der Armutsgrenze. Da ist so etwas natürlich Öl im Feuer.
Es sind Zustände wie im Mittelalter dort, nur mit den technischen Gütern von heute. Man sagt der Präsident, der im Besitz von "Madagaskar Air" ist (die größte Air Line dort), lässt hin und wieder eine Startbahn sperren, auf der er dann endlich mal seinen Porsche ausfahren kann ...
"Wenn das Volk keine Brot hat , dann soll es doch Kuchen essen " sagte Marie Antoinette und lebte nicht mehr lang.
Der jetzige Präsident ist im Zuge eines Putsches durch das Volk an die Macht gekommen, denn er versprach Besserung der Zustände. Bald sind Wahlen. Der Bürgermeister verspricht auch viel, aber manche sagen es sei, als tausche man den Alligator gegen das Krokodil. Es wird dort glaube ich nicht ohne weitere Kämpfe ablaufen, denn der Präsident wird sein Amt nicht so einfach niederlegen solange er das Militär auf seiner Seite hat.
Und die meisten Menschen im Volk haben nichts mehr zu verlieren.
Nun gut....... weiter im Text:
Stehen geblieben bin ich bei dem 2. Tag:
An diesem 3. Tag also stand uns zu fünft in einem Wagen eine Fahrt bevor, die uns ca. 13 Stunden der Länge nach durch Madagaskar führen sollte. 6 Stunden davon Serpentinen und Kurven.

Morgens ca. 7 Uhr waren wir abfahrtsbereit. Zu Beginn der Fahrt ging es noch streckenweise gerade aus und wir hatten tolle Ausblicke über weite Ebenen. Das Land ging so langsam in Fleisch und Blut über. Ich rede von den Farben. Denn bisher sind wir ja nur in der Stadt gewesen und jetzt ging es raus vorbei an den endlosen ZeigeFeldern.
In Antananarivo bzw in den vorgelagerten Dörfern versorgen sich viele Menschen mit Ziegeln, die sie auf Feldern mit dem Spaten aus dem Lehm stechen. Der Boden enthält sehr viel Eisen und durch den Oxidationsprozess ist die Erde Fleisch-rot. Wenn es regnet, sieht es aus als ob die Erde blutet.
Schon diese Farben, die in so seltsamen Mengen verteilt sind, lassen einen spüren, dass man weit weg ist von zu Hause.
Die Ziegel werden in großen Blockhaufen gestapelt, und dann in kleinen Öfen, die auch auf dem Feld stehen, gebrannt. Und wenn man sich genug gebacken hat, baut man sich ein Haus. Entweder man kauft sich die Ziegel oder geht raus und brennt sie sich selber.
Wir kamen durch viele Dörfer, die sich alle sehr ähneln. Der rote Sand und vielleicht ist es auch die Armut, die hier als Gleichmacher wirkt .
Schon lustig: bei uns ist es der Reichtum, der alle Vororte deutscher Städte immer mehr zu namenlosen McDonald - Ikea- Burger King - Tankstellen werden lassen.

Als wir dort durch die Siedelungen gefahren sind, kamen wir auf einer Straße durch engbebaute kleine Hausreihen im Kolonialstil.
Sehr oft aber verkommen und abbruchreif. Den anderen fiel auf, dass es hier manchmal mexikanisch anmutete. Neben Autos waren auch Menschen unterwegs die riesen Karren schoben oder zogen, um Waren zu verteilen wie in "Anno 1701".
Ich habe jemanden gesehen, der hatte Autoschrott geladen auf seinem Karren; wer weiß wieviel 100te von Kilo.
Und als er ihn anhob, um damit auf der Straße fort zu kommen, zitterten seine Arme unter der Anspannung, seine Halsadern wurden dick und er stemmte den Kopf nach vorn wie ein Stier.
Ein ungeheueres Gewicht zog an seinen Armen, an dessen Ende sich seine Fäuste gnadenlos um die Griffe ballten. Es sah aus als ob seine Hände mehr hielten als die Arme versprachen.
Und er war erst am Anfang seiner Tour.
Als ich ihn so sah und die Kamera aus dem Auto drauf hielt, kam mir ein Gedanke: Früher auf der Baustelle haben die Maurer ein Sprichwort dafür gehabt, wenn ich mir die Schubkarre so voll machte, dass ich nur einmal zu gehen brauchte und an ihnen vorbei ächzte, das ich fast umfiel.
"Fauler Esel schleppt sich tod!"
Das war immer sehr anspornend.
Diese Dörfer haben immer noch eine Art Vordörfer, die aus Blechhütten-Slums bestehen, wo die Ärmsten wohnen.
Sie trocknen ihre bunten Kleider auf den Wiesen, die sie komplett mit ihren Stoffen auslegen. Das sah so schön aus. Jedes mal wenn mir das auffiel, schrie ich "Wow! Schaut euch die Farben an!" War aber schon wieder zu spät mit der Kamera bei der Hand.
So eine Kamera muss man mit Vorsicht genießen, sonst versaut sie einem wortwörtlich die "Tour".
Du fängst an dich zu ärgern über jeden schönen Augenblick, den man nicht aufgenommen hat, weil man zu langsam war.

Eine schöne Geschichte erlebten wir einmal bei einem Tankstopp.
Wir stiegen aus dem Auto und wieder mal kamen Kinder auf uns zu.
Hier waren wir "Wasas" (Weiße) auch noch nicht so oft gesehen. Sie standen um unser Auto und fragten nach leeren Pfandflaschen.
Einer der Jungs hatte ein zerrupftes, zerfleddertes abgeranztes, verkeimtes, verwarztes und verwanztes, schuppiges und sehr missgelauntes "lebendes" Hähnchen in der Hand, das er an den Füßen mit dem Kopf nach unten hielt.
Er hatte ungefähr ein Verhältnis zu dem Tier als ob es ein Stock wäre mit dem man als Kind irgendetwas in den Sand kratzt oder so was.
Er fuchtelte mit den Armen herum, um uns etwas zu erklären, zeigte mal nach hier, mal nach da und das Federvieh hatte ein paar schöne Karussellfahrten umsonst, während seine Beine wohl nur so dahinbrachen. Dann ließ der Junge seine Arme wieder hängen, das Händel schrammte etwas den Boden und machte aber auch keine Anstalten sich zu ducken... wenn man Kopfüber überhaupt noch von "ducken" reden kann. Ich möchte nicht zu weit ausholen - jedenfalls schaute ich dem Hahn in die gelben, blutunterlaufenden Augen und war froh, dass ich damals in "Hogwarts" auf der Zauberschule beim Gedanken-Lesen-Kurs nicht immer so bei der Sache war. Obwohl ich von dem Breuler in puncto Flüche bestimmt noch einiges hätte lernen können.
Also irgendwie bemerkte der Junge jedenfalls, dass ich ein gewisses Interesse für das Tier entwickelte. Vielleicht war es ja Mitleid???
Also, als ich auch nur die aller entferntesten Anstalten machte dieses Kund zu tun erntete ich schallendes Gelächter der Kinder.
Benny und Mark standen neben mir.
Plötzlich riss der Junge das Tier hoch und versuchte es mir durchs Gesicht zu ziehen. Erschreckt und etwas Mädchenhaft schrie ich auf. Das stachelte ihn an. Auch Benny und Mark wichen zurück, was sie gleich mit ins Visier brachte.
So trug es sich zu, dass der Junge uns drei mit dieser Vogelgrippe ums Auto scheuchte. (Es gibt Aufnahmen davon)
Kurzum: wir sahen zu, dass wir uns wieder auf die Socken machten und wünschten dem Hähnchen ein schnelles Ende in einer guten Suppe.
Wir ließen viele Dörfer hinter uns und kamen langsam durch die Berge - Stunde um Stunde, Kurven um Geholper.
Mark und ich führten eine Unterhaltung darüber was man alles so ekliges essen kann und unsere Phantasie lief über --- der Magen von Simone auch.
Erst als das Barometer schon ganz oben war, begann sie mit schon etwas gurgelnder Stimme Alarm zu schlagen. Der Fahrer stoppte den Wagen und es ging nur ein ganz klein wenig ans Fenster.
Sie tat uns leid. Wir kamen zu spät darauf, dass unsere sehr lebhaften, natürlich komplett albernen, Ausführungen über schlechtes Essen ihr zugesetzt haben könnten . Als ich sie fragte ob es die Kurven waren oder unser Essen, meinte sie nur trocken: "Es war eine wirkungsvolle Kombination aus beidem."
Wir setzten mit dem Thema aus und widmeten uns anderen Philosophierereien.

Das Land veränderte sich immer mehr. 13 Stunden mögen einem lang vorkommen, das Gehirn ist aber gar nicht für solch schnelle Ortswechsel konzipiert hab ich mal gelesen.
Es wurde immer grüner und tropischer. Die weiten Ebenen verschwanden immer mehr und wir fuhren immer höher durch die Berge. Wir kamen an schönen Wasserfällen vorbei, an denen wir hielten. Ich sah meinen ersten Tropenfrosch und die ersten echten wilden großen Spinnen am Straßenrand im Abhang sitzen.
Das ist schon was anderes als im Zoo hinter der Vitrine.
Und diese ganzen Pflanzen, die, wenn man sie zwischen Finger und Daumen zerdrückt, nach seltsam bekannten Kräutern riechen.
Du machst kurz 'nen Stopp von 10 Minuten. Und drehst gleich einen kleinen Dokumentarfilm in deinem Kopf.
Als wir weiter fahren wollten, mussten sie mich ein paar mal rufen, damit ich zum Auto zurückkomme. Aber vom Urwald sollte ich noch genug zu sehen bekommen. Das hier war ja auch gar kein Urwald - das war nur der Straßenrand. Aber wie schon im ersten Bericht erwähnt: es gibt kaum noch echten Urwald.
Der ist zu 90 % zerstört.
Traurige Informationen bekommt man auf Kosten der Heiterkeit.
Wer sich das mal durchlesen will:
Hier ein interessanter Link!
Ich glaube, dass wir von Haus aus erstmal zu faul sind, um uns aufzurappeln und etwas zu tun, damit es irgendwie besser läuft.
Wir sind gewohnt, dass sich die Dinge durch die Gesetze, denen wir folgen, schon regeln. Selbst wenn es schlechte Gesetze sind.
Ich zwinge mich immer wieder dazu solche Sachen zu lesen, damit sich Energien in mir aufbauen, die mich handlungsfähiger machen.
Man läuft dabei aber Gefahr wieder durch diese vielen deprimierenden Informationen zu resignieren und wieder gelähmt zu werden.
Unser Wille verdunstet mit dem Tropfen auf diesem heißen Stein.
Du kommst dann schnell zu dem Schluss, dass es naiv ist zu glauben, etwas tun zu können.
Vielleicht kommt es aber noch mal so, dass das Glauben, Hoffen und Tun sich bei so vielen Menschen einstellen lässt, dass dann wirklich etwas bewirkt wird.
Diese ups and downs von: "Jetzt mach ich etwas, jetzt nicht", gehören vielleicht auch dazu.
Aber es gibt Menschen, die sind da unermüdlich.
Ihre "ups and downs" geschehen auf einem völlig anderen Level. Die haben ihr Leben dazu verschrieben. Die sind jeden Tag ein Tropfen, dessen Verdunstung aber wieder aufgefangen wird von ihren Vorstellungen und Träumen für diese Welt, so dass sie morgens wieder ein Tropfen sein können.
Diese Leute arbeiten inmitten von diesem Elend jeden Tag mit den Menschen und der Natur und das ist nicht der Trip, den ich machte.
Einer von ihnen ist Klaus von der Welthungerhilfe, den wir am Abend bei unserer Ankunft in Vara van Gana kennenlernen durften.
Doch befor wir ankamen wurde es Nacht und das so schnell als hätte jemand das Licht aus geknipst.
Wir fuhren Stunde um Stunde auf langen, unbebauten Sandwegen durch komplette Dunkelheit.
Auf diesen Wegen waren wieder viele Menschen unterwegs ohne ein Licht, das sie führte. Und uns begleitete wieder das ewige "Müp Müp" unseres Fahrers, der alle 5 Sekunden monoton mit der Hupe auf sich aufmerkam machte, indem er 2 mal drauf drückte.
Als ich nach hinten raus schaute, verschwanden die Menschen wieder im nachlassenden Rot der Rücklichter unseres Jeeps in diese Dunkelheit.
Sie hatten wie gesagt keine Taschenlampen oder Fackeln dabei und nach uns käme erstmal lange kein Auto mehr.
Ich glaube diese Leute hatten Augen für die Nacht.
Als wir endlich ankamen, sah es für mich aus, als führen wir durch eine alte Western-Stadt. Unser Hotel hatte eine Veranda, auf der ab sofort wir jeden Tag verabschieden sollten. Dort saß schon der oben genannte Klaus und erwartete uns herzlichst.
Er war uns auf Anhieb sympathisch.
Wir saßen noch eine Weile alle zusammen, tranken das hier beliebte Bier "Three Horses".
Auf der Flasche prangten 3 Pferde, die etwas dümmlich aus einem Pferdestallfenster schauten. Ein gutes Logo für ein Bier dachte ich. Es schmeckte herrlich und war eiskalt.
...
Euer Pohlmann.
