Pohlmann - König der Straßen

MADAGASKAR TAG 2

12.12.2008

 

Der Tag begann sehr gut.
Tanzmaus
Ich konnte endlich etwas ausschlafen.
Nachdem ich meine Augen langsam öffnete, wurde mir mit dem Erwachen klar, dass ich heute, wenn ich aus der Haustür ging, nicht mein altbekanntes Hamburg zu sehen bekäme.

Dort unten, hinter dem Hoteleingang, begann für mich dieses ferne Madagaskar, dessen Hauptstadt ihrem ganz normalen Tag entgegen wuchs.
Hingegen würden all die Gewohnheiten dieses Alltags und das ganze Treiben meine Entdeckungen werden.

Ich ging in die Dusche und musste feststellen, dass auch sie erstmal eine Entdeckung war, da, abgesehen von ihrem luxeriösen Aussehen, nur wenig heraus kam. Und das was rauströpfelte war zudem noch sehr kalt.

Das Hotel wäre in unseren Gefilden vom Preis her billig gewesen.
Für die Verhältnisse hier jedoch gut bezahlt. Daher war die Ausstattung zumindest was die Dusche betraf etwas übertrieben. Es waren 6 einzelnd verstellbare Strahler für den Körper angebracht, die in 2 Reihen von unten nach oben verliefen.
Ein großer Duschkopf mit verschiedenen Einstellungsvarianten - von weich über normal bis Massage - war oben fest montiert. Noch ein weiterer, im wahrsten Sinne des Wortes überflüssiger Duschkopf, mit ähnlichen Spiränzchen zum Abnehmen in einer Halterung, war an der Wand angebracht.
Das Ganze erinnerte eher an die Manöverbrücke der Nautilus. Heiß/ Kalt, wie Wasser/ Nicht Wasser, waren an einem drehbaren großen silbernen Knopf zu regeln. Ich konnte diesem Regler jedoch keine tieferen Geheimnisse über die Funktionalität dieser Amatur entlocken, als das ich durch Drehen in die eine Richtung tröpfelndes kaltes Wasser bekam. Drücken oder ziehen brachte keine Ergebnisse. Ich drehte vorsichtig und lauschte als ob ich einen Tresor öffnen wollte.

Irgendwann fand ich mich damit ab kalt zu duschen.
Immerhin befand ich mich in einem Land, in dem Wasserknappheit herrscht.
Was sollte ich da noch Ansprüche stellen? "Geschieht dir ganz recht alter Warmduscher."

Nach einer Weile war ich soweit fertig und verließ bibbernd und leicht belustigt die Dusche der tausend Möglichkeiten.

Wir wollten uns um 13 Uhr unten im Hotel treffen.
Auf der Treppe traf ich den Mann von der Rezeption. Ich versuchte ihm zu erklären, dass vielleicht etwas mit der Dusche nicht stimme.
Mein Französisch war in Wirklichkeit kein Französisch, aber irgendwie kam er mit.
Im Bad angekommen, zeigte ich ihm meine Duschproblematik, worauf er den Regler anstatt zu drehen zur Seite neigte und vorsichtig drehte.
Jetzt kam aus dem anderen Duschkopf mehr Wasser. Ich versuchte es und neigte ihn mit einem Klick in die andere Richtung und es feuerte aus allen 6 Strahlern auf mich. Schööön.
Der Mann lachte ein Ziegenähnliches Lachen. Ich grinste tropfnass zurück.
Alles hat seinen Preis.

Nachdem ich Wasser und Zeit verplämperte, ich hatte keine Zeit mehr mich umzuziehen, ging ich nass in die Stadt.

Am nächsten Tag lernte ich dann, wie man mit einem einzigen Regler 3 verschiedene Duscheinheiten ansteuert, gleichzeitig Strahlstärke und Heiß/ Kalt einstellte. Der das Ding erfunden hatte, war gar nicht so doof.

Für heute war ein Treffen arrangiert mit einem Musiker, der in Madagaskar sehr geschätzt ist. Sein Name: Ricky Ulombelo.

Es wurde einmal durch die Welthungerhilfe ein Treffen arrangiert und unabhängig davon, wurde er noch mal von Danielle für ein Treffen mit uns angeschrieben.
Er schien also ein wichtiger Mann zu sein.
Ich wusste zwar, dass es im besten Falle auf ein gemeinsames Jammen hinaus laufen sollte, ließ meine Gitarre aber erstmal im Hotel.
Ich hatte irgendwie das Gefühl mit der Tür ins Haus zu fallen, wenn ich gleich mit der Klampfe anrückte.
Bin wohl nicht mehr ganz so spontan wie damals im Bedfordcafé.
Ich wollte die Dinge lieber auf mich zukommen lassen.

Als wir das Hotel verließen, bot sich zu meiner Verwunderung erstmal kein anderer Anblick als in der gestrigen Nacht der Ankunft.
Die Straßen in diesem Viertel waren leer. Erst hinter der Sperre mit den Soldaten füllten sich die Straßen mehr und mehr mit Leben bis sich uns, als wir auf die große Hauptstraße kamen, eine wahre Bevölkerungsexplosion bot.

Jetzt kam Madagaskar aber mit voller Wucht um die Ecke gepräscht.

Tausende von Menschen drängelten in einem dieser Stadt gehörendem Rythmus aneinander vorbei. Das einzige, was einem eine Ahnung von Führung gab, war der Verkehr, der seiner Ordnung folgte.
Ansonsten lief alles kreuz und quer durcheinander.

Zwischen den Lastwagen, die vorbeistaubten, gab es sehr viele Taxen.
Diese Taxiflotten bestanden hauptsächlich aus alten französischen Enten und R4 Autos. Es roch nach Benzin und Gewürzen.
An den Ampeln gingen Kinder und Alte von Wagen zu Wagen und bettelten.

Ein riesen Marktplatz war zu erkennen. Hinter dem eigentlichen Marktplatz waren in einer langen Reihe kleine asiatisch anmutende Häuschen mit langen spitzen roten Dächern, die zum Markt gehörten.

Tana ist in der Rangliste der dreckigsten und ärmsten Städte dieser Welt auf Platz 3, wie mir gesagt wurde. Der Müll, der in einem riesigen Schuttcontainer geworfen wurde, vergammelte in der Mittagshitze. Er enthielt, soweit ich das erkennen konnte, nebst bunten Plastiktüten wohl ein Allerlei von Essensresten, die der Markt nicht mehr umsetzten konnte.
Ein paar Leute und Kinder standen Knietief in diesem undefinierbaren Schleim und Matsch. Sie suchten nach Essbarem, das man noch irgendwie verwerten könnte. Entweder für sich selbst oder zum Weiterverkauf.
Sie schmissen alles über die Wände des Containers wieder auf die andere Seite in den Dreck. Dort standen wieder Leute, die das sortierten.

Ich sah sie, wie sie abgenagte Hühnerknochen und anderes Zeug in siedendem Öl brieten, das sie in einem Topf auf einer offenen Feuerstelle erhitzten.
Sie brieten es nicht um warmes Essen zu haben, sondern wohl eher, um Keime abzutöten.
Schlechte Früchte wurden geschält und noch essbares abgeschnitten.
Auch Mütter, die ihre Babys eingewickelt vor sich hatten, ernährten sich und sie von diesem Abfall.

Ansonsten schaute man in den Tüten nach Resten, was bei uns ja auch immer häufiger zu beobachten ist.
Aber ich glaube, dass jede unserer Mülltonnen für die Menschen dort ein wahres Festmahl wäre. Das Gewimmel um den Container erschreckte uns erstmal, doch gliederte sich die Szene fast spielend in das Treiben dieses Marktes ein.
Es war das Stadtbild eines normalen Tages in Tana.

Tanzmaus

Das völlige emotionale Chaos entsteht dann durch das Lächeln, das diese Menschen trotz Elend für uns hatten.
Und meistens war es ohne Erwartungen.

Sicher gab es auch skeptische Blicke, aber oft reichte ein freundlicher Blick, um Zweifel zu verscheuchen und löste manchmal gradezu Heiterkeit auf beiden Seiten aus.
Das ließ einen manchmal sehr gerührt zurück.

Ich erinnere mich an eine Szene. Nix besonderes aber bezeichnend.

Ein Arbeiter, inmitten dieser Mittagshitze, der vor dem Lenkrad seines LKWs saß und an einer roten Ampel im Stau wartete, schaute mich an.
Ich hielt seinem Blick freundlich stand. Wir Weiße sind dort noch nicht so häufig zu sehen. Dann erhob er seinen Arm, winkte und rief mir etwas freundliches zu.
So, als ob wir uns schon lange kennen würden.

Man darf mich gerne für naiv halten und sicher könnte man jetzt denken, er sah mich, dachte "Guck dir mal dieses blöde Milchgesicht an. Die Taschen voller Geld und rennt hier rum wie doof. Ich wink ihm mal zu!"

Tja , und ich winke auch noch ganz fröhlich zurück. Was soll ich sagen? Bei uns würde ich diese Art von Ironie vielleicht bemerkt haben - hier konnte ich es nicht deuten oder spürte nichts schlechtes dahinter.

Tatsächlich ist es ja in unseren Gefilden so, dass viele erstmal irritiert sind oder irgendeine List vermuten, wenn uns jemand grundlos anlächelt oder etwas überschwänglich einen "Guten Tag" wünscht.
Hier kam es so oft zu solchen Begegnungen, das es beleidigend wäre, das zu unterstellen.

Bei manchen Straßenhändlern spürte man natürlich diese gespielte Freundlichkeit. Aber was sollen sie auch machen?
Irgendwann, wenn das Grinsen dabei hilft eine Familie zu ernähren, verschwindet die Natürlichkeit.
Und ich spreche nicht von einem netten Verkaufsgespräch im EPlus Laden.

Ich war oft hin- und her gerissen. Den Straßenhändlern entgegnet man erstmal freundlich. Dann bemerkt du, dass nichts dahinter steckt als "Kauf meine Ware und gib mir Geld, Tourist!".

Dann zieht man sich emotional zurück, vermeidet Blickkontakte und schaut etwas ernster drein.
Als nächstes denkt man wieder über die Situation der Menschen nach.
Man entwickelt ein Verständnis für ihre Lage, das einen wieder auflockert.
Man ist wieder mal easy, klopft demjenigen freundschaftlich auf den Rücken, schlägt das Angebot aber aus.

Die Jungs sind hartnäckig und du wirst wieder einige Zeit begleitet.
Du beginnst wieder kühler zu werden. Diesem Hin und Her war ich anfangs ausgesetzt wie eine Nussschale auf dem Ozean.

Irgendwann findest du vielleicht deine Art und Weise, aber viel Zeit das letztendlich zu lernen hatten wir leider nicht.

Tanzmaus

Was mir als nächstes auffiel, war diese große Anzahl von Kindern.
Überall waren sie unter die Erwachsenen gemischt und gingen ihre eigenen Wege.

Sie hockten oft zusammen, spielten im Dreck mit Gefundenem und passten aufeinander auf.
Es schien, als gehörten sie zu niemanden.
Es verhielt sich oft so, dass schon der 3-jährige auf den oder die 1 jährige aufpasste.
Aufpasst, dass man nicht auf die Straße rennt und vom Auto überfahren wird oder sich den Kopf einschlägt, weil man von der großen Menschenüberfüllten Treppe von einer Stufe auf die nächste knallt oder sonstwohin krabbelt.

Die Kindergärten sind sozusagen auch ein Teil des Stadtbildes.
Die Kindergärten auf dem Bürgersteig.

Ich erfuhr, dass das Durchschnittsalter in Madagaskar 17,5 Jahre ist. Das errechnet sich durch die hohe Streblichkeitsquote. Die Leute hier werden nicht sehr alt.
Weiterhin durch die vielen vielen Neugeburten. Verhütung ist, wie so oft in Afrika, auch in Madagaskar nicht so populär.

Wir kamen zu dem Kulturzentrum. Hier hatte Ricky seinen Proberaum.
Eine steile Treppe führte uns durch die dunklen Stockwerke bis ganz nach oben. Das Treppenhaus machte mir von innen irgendwie den Eindruck, als bestehe alles nur aus Holz. Während wir hinauf polterten und die Treppe unter uns knatschte, redeten wir aufgeregt durcheinander. Wir waren recht laut als wir, an Bildern verschiedener hier tätiger Künstler vorbei, durch einen Gang zum Proberaum kamen. Wir klopften, öffneten vorsichtig die Tür und da saß der sagenumwobene Ricky Ulombelo auf einem Hocker.
Er strahlte die Ruhe eines Senn-Buddhisten aus und kam dabei eben so gemütlich rüber wie Buddha himself.
Langsam stand er auf und ging auf uns zu. Die Begrüßung fiel der Reihe nach per Handschlag aus.
Im Raum verteilt waren verschiedenste Instrumente. Ein Schlagzeug, eine Gesangsanlage und ein paar seltsame, die an der Wand hingen.
Es standen Stühle für uns bereit auf denen wir Platz nahmen. Was machten wir hier eigentlich? Das kam mir in den Sinn als wir da so zu fünft vor ihm saßen.

Wir begannen irgendwelche interessierten Fragen zu stellen, die er geduldig beantwortete. Fragen wie: "Was ist das für ein Instrument da an der Wand?"
Er erklärte, er hätte es selbst konzipiert.
Dann die Frage, ob er es denn auch spielen könne? Was er etwas irritiert mit "Ja" beantwortete. Dann, das Missverständnis auflösend, "Nein, ob er jetzt spielen könne?".
"Nein, jetzt noch nicht". Wir kannten uns kaum.

Es folgte die Frage ob er traditionelle Musik spiele, worauf er antwortete, dass es Musik sei, die er spiele. Etwas von diesem, etwas von jenem.
Gewissen Einflüssen folgend.
"It´s just Music".

So richtig kamen wir nicht in Gang. Benny rettete die Situation, indem er das Thema auf Viva con Agua lenkte.
Das Thema schien Ricky zu interessieren. Er lauschte aufmerksam und Benny erzählte von den Brunnenbauten und weiteren Plänen.
Ricky selbst hatte ein ähnliches Projekt, indem es um einen Baum geht.
Die Blätter des Baumes kann man kauen und sie enthalten allerlei Vitamine und wichtige Inhaltsstoffe.
Den Baum nannten sie "Magic Tree".

Ob man die Blätter auch rauchen könne?
"Nein" lächelte er etwas mitleidig. Er mache sich stark für die Verbreitung dieses Baumes in Madagaskar. Durch den Baum könne man sich einige teuere Medizin sparen. Einfach die Blätter essen.
Er gab uns eine aufwendig gestaltete Broschüre, in der aufgelistet stand, was die Blätter enthielten. Der Baum sei ursprünglich in Madagaskar heimisch, aber es gäbe ihn so gut wie gar nicht mehr. In den Zeiten der Ureinwohner sei er heilig gewesen. Es gibt den Glauben an ein altes Volk, das es in Madagaskar gegeben haben soll - noch bevor Asiaten das Land entdeckten.

Ricky schien mir ein Suchender, wie ein Bewahrer dieser Kultur bzw. dieses Glaubens zu sein.

Hinter ihm an der Wand hing ein großes gemaltes Bild. Es zeigte eine Spirale aus Blättern und Zweigen des Baumes. In den parallelverlaufenden Zwischenräumen der BlätterSpirale waren Planeten zu sehen und die Geschichte der Menschwerdung auf der Erde.

Die anderen unterhielten sich eine Weile über diese Religion, die in Madagaskar zu 60 % verbreitet ist. Vieles habe ich aber nicht verstanden, da irgendwann wieder französisch gesprochen wurde.

Benny griff dann wieder das Thema Musik auf und fragte ob Ricky Lust hätte eine Session zu machen. Plötzlich fühlte ich mich überrumpelt. Ricky machte einen sehr herzlichen Eindruck, aber ich dachte nicht, dass sein Interesse daran irgendwie so groß sei.

Ich schaute in die Runde und meinte, dass wir seine Zeit doch wohl lang genug in Anspruch genommen hätten. Warum war ich bloß so schwergängig?
Außerdem sei meine Gitarre ja im Hotel.

"Die können wir ja eben holen", meinte Benny voll Tatendrang. "Tja," sagte Ricky, "dann müsst ihr sie wohl holen. Wir haben keine hier." Er schaute mich eindringlich an. Seine Augen schienen überzuquellen.
"So, you want to play with me?"
" Yes ....ähhhh..... but ähhm.... Yes! Yes! ...also schon."
Ich wusste nicht wie ich reagieren sollte.
Irgendetwas stellte sich meinen Gefühlen in den Weg. Ich war wie gelähmt.

Das sind diese ruhmlosen Filmszenen, die ich vor mir sehe und nicht unter Kontrolle bekomme. "Lass es geschehen, mein Junge" dachte ich.

Er saß breitbeinig auf seinem Hocker. Vor ihm standen 2 mächtige Congas, auf denen sein Unterarm ruhte. Eine Rassel und so etwas wie ein Milchaufschäumer aus Stroh lagen daneben.
Die andere Hand hatte er auf seinen Oberschenkel gestemmt.
"If you want to play with me, you have to feel it from your heart. If not, we really don't need to." Er schüttelte langsam seinen Kopf dabei.

Jetzt stand ich auf ging kurz nervös im Kreis.

Er hatte mich da, wo ich mich haben wollte.

Das was er gesagt hatte, hatte jetzt nichts mehr von höflichem Hin und Her.
Es ging jetzt um meine Wurst. Er fragte mich meines Erachtens nichts geringeres als nach meinem Gefühl, meiner Einstellung zur Musik.

Wie oft stand ich schon mit immer demselben Fieber an diesem Anfang.
"Let´s Play! We gonna get the guitar from the Hotel. We come back in half an hour."
"Ok, fine"
Nun fragte jemand ihn noch "And you"?"
"What me?" entgegnete er
"What will you do until we are back?"
Diesmal antwortete ich für ihn.
"I think, he will sit here ,1 meter over earth and singing "Ommmmmmm" untill we are here again to session.
Er lachte. Wir begannen einander zu verstehen.

Nach einer Stunde waren wir wieder zurück. Oben gab Ricky seinen Leuten Instruktionen für den Aufbau verschiedenster Dinge. Eilig wurde meine Gitarre verkabelt und dann bekam ich ein Mic. Sein Drummer, der die ganze Zeit dabei war, jedoch nie etwas sagte, saß nun am Schlagzeug.

Die Magie setzte nach und nach ein. Es war ein phenomenales Gefühl.
Es waren eben doch die afrikanischen Einflüsse, die das Erlebnis mit Ricky gespielt zu haben erstmal so eindringlich machten.
Da wir kein anderes Tongebendes Instrument nutzten als meine Gitarre, konnte ich die Akkorde nach Lust und Laune gestalten.
Wir spielten frei zusammen.

Musik ist eine Sprache. Sie ist eine universelle Kommunikation von Mensch zu Mensch.

Als wir "Running Water" spielten, das ich einmal für eben diesen "Running Water" wie er sich nannte, geschrieben hatte, begannen wir wirlich miteinander zu spielen.
Ich hatte das Gefühl, dass dieses Lied seinem zu Hause ein ganzes Stück näher gekommen ist.
Ricky intonierte einen Gesang, dessen Technik in rhythmischem Ein- und Ausatmen liegt.

Ich kenne diese Gesangsart von einer Ben Harper CD.
"Ben Harper and the blind boys of Alabama".

Mensch, wenn das der alte Mr. Water gehört hätte. Das Lied spielte sich von selbst. Es verband. Während uns das Stück endlos zu tragen schien, ließ ich hier, weit weg von zu Haus, in Gedanken die Nächte im Bp mit dem alten Haudegen "Running" Revue passieren.
Ich sah Running´s mittelalterlichen Kniefall nach seinen Showeinlagen. Wenn er seine Melone mit der Schwimmbrille drumherum abnahm und den Leuten breit grinsend ihr Geld abverlangte. "Now comes the hard part Ladies and Gentleman, now comes the hard part!".
Ich sah seine Beerdigung, die jemand in London gefilmt hatte. Und seinen Sarg mit der Gitarre darauf. "The Doctor said I'm going to die. You know, Alcoholabuse.
So, what can we do .... first, Mr. Boulmann, .....please fetsch me a beer!!!".

All diese Szenen spulten sich ab wie eben passiert.

Musik besitzt die Kraft seinen Erlebnissen nahe zu sein.

Hätte Benny mir nicht in den Arsch getreten, hätte ich mich um diesen Jam mit Ricky zu spielen betrogen schätze ich.

Nach der Session verabschiedeten wir uns voneinander und tauschten alle möglichen Kontaktadressen aus.
Ricky, der im Bereich "Weltmusik" viel rum kommt, war schon in Hamburg. Er will wieder kommen oder zumindest nach Berlin. Sollte das der Fall sein, werde ich bescheid euch sagen. Ich hoffe ihn dann wieder zu sehen.

Als wir das Kulturzentrum verließen einigten wir uns drauf noch einen Bummel durch den Markt zu machen.
Um ca. 19 Uhr geht die Sonne unter.
Wir hatten von verschiedensten Seiten aus den Hinweis bekommen, das es gefährlich sei nach Sonnenuntergang noch in der Stadt unterwegs zu sein.
Aber das galt nicht nur für uns. Es wird generell so gehandelt, dass viele Menschen Nachts die Straßen meiden. Jetzt, da der Markt langsam abgebaut wurde, sahen wir auch wieder die vielen Kinder, die jetzt mit anpacken. Auch das sei gang und gäbe.

Ein Mensch, sobald er die nötige Kraft besitzt, fasst mit an, um seine Familie zu unterstützen.
Also mit ca 4-5 Jahren wird mitgearbeitet. Oft sieht man schon 10-jährige die tagsüber Leute mit der Rikscha durch die Gegend ziehen. Also nicht mit dem Fahrrad davor sondern zu Fuß!
Das Absurdeste ist es, wenn am frühen Morgen manche Kinder andere Kinder mit der Rikscha zur Schule bringen und selbst aber am Unterricht nicht teilnehmen. Überall wo wir auch hinkamen war das Interesse der Kinder an uns sehr groß.
Und immer waren wir geneigt dazu den Clown zu machen.
Ihre freundlichen Gesichter lächelten einen ständig an, als ob man der nette Onkel von nebenan wäre.
Gerade die Situationen mit Kindern sind oft verwirrend.
Wie schon oben erwähnt finden auch im Umgang mit ihnen viele Gedanken statt.
Wir bekamen gesagt Kindern nichts zu geben, denn wenn sie Geld bekämen, müssten sie es nach Hause bringen.
So trägt man dazu bei dass die Eltern ihre Kinder nicht zur Schule schicken, sondern auf die Straße zum Betteln. Denn Kinder bekommen eher etwas. Und wenn du Essen abgibst, kommen auch ganz schnell immer mehr und mehr und du wirst zum großen gütigen Verteiler.
Abgesehen davon, dass hier kein Platz für Ego ist, kommst du dir trotzdem ganz schön doof vor.

Einmal kaufte ich Plätzchen und allerlei anderes Zeug. Als ich bemerkt habe wie viele leer ausgehen.....das ist schon komisch, wenn man dann nichts mehr hat.
Und während du ihnen erklärst dass es das war, siehst du hinten wie die Stärkeren den Schwächeren ihre Portionen entreißen. Dann muss man sich gleichzeitig darum kümmern, dass alles gerecht zu geht.

Wir kamen an eine riesige Treppe. Sie war bestimmt 20 Meter breit und wurde in ihrem Aufgang der Reihe nach von Terrassenartigen Flächen unterbrochen. Auf dieser Treppe war ein ähnlich buntes Treiben wie auf dem Marktplatz. Wir mussten sie täglich bis zu 4 mal überwinden.

Ich musste dabei an den "Kung Fu Panda" Film denken, den ich auf dem Hinflug gesehen habe. Da wird genau diese Szene mit einer großen Treppe, die zu einem Tempel führt, der RunningGag des Filmes. Der dicke Panda stöhnte und fluchte vor Anstrengung während er die Treppe bestieg. Genau wie wir jeden Tag.

An diesem ersten Tag in der Stadt begann Benny während wir hoch gingen plötzlich an mit den Kindern zu spielen, die uns begleiteten. Manche von ihnen fingen an auf meinem Gitarrenkoffer, den ich in der Hand hielt herumzutrommeln. Benny stupste sie abwechselnd in die Rippen. Das kitzelte.
Ich war erstaunt darüber wie leichtläufig Benny mit den Kindern umging.
Er hatte die Welt schon öfter bereist, das spürte ich. Mehr Kinder kamen und ich begann mit ihnen auf dem Koffer herumzutrommeln.
Da ich sowieso gerade eine Verschnaufspause brauchte, setzte ich mich auf eine Steinkante am Rand der Treppe, verfolgt von zahllosen Füßchen und Händchen, die alle mal auf den Koffer hauen wollten.
Auch diese Szene traf uns so unvorhergesehen, dass wir uns nach einer Weile hilflos anschauten. Plötzlich stehst du da und die Dinge nehmen ihren Lauf.

Wir wussten weiter nichts mit dem Tag anzufangen, also blieben wir ein bischen um mit diesen Kindern zu spielen. Wie voll doch die Reise war mit solch schönen Momenten.

Ich dachte mir "Wenn du schon mal sitzt, kannst du auch Gitarre spielen."
Also gings in die 2. Runde. Ich machte den Gitarrenkoffer auf und fing an zu spielen. Ich spielte irgendeinen Kram und sie sangen dazu so etwas wie "Dada" oder "Tata" oder so.
Benny tanzte mit den Kids und jetzt kamen auch Jugendliche und ein paar Erwachsene, die sich zu uns setzten und sich amüsierten.
Das hätte die ganze Nacht so weiter gehen können. Bis wir zusammen wieder das "OH OH OH" vom "Running Water"Song einstimmten.
An meiner Mütze hing mein Sponge Bob Button und da fiel uns ein Mädchen auf, das ein Spong Bob Shirt an hatte." Toll! " Ich schaute sie an, zeigte auf meinen Button und dann auf ihr Shirt. "Sponge Bob!"
Sie verstand nicht. Ich zeigte nochmals auf das Shirt. "Sponge Bob? Schwammkopf? Bob soundso ?"
Dann zeigte ich nochmal auf den Button und nach und nach erkannte sie, dass das die Figur auf ihrem Shirt ist. Aber wer das ist wusste sie glaube ich nicht.
Jetzt sang ich auf Deutsch....: "Weeeeeeeeeeeeeer lebt in 'ner Ananas unten im Meer ... Sponge "....und so weiter.
Aber das fanden sie zu seltsam. Sie bekamen wieder fragende Gesichter und bevor die Verbindung abzureißen drohte, spielte ich wieder "Ta Ta Ta" und helle Freude kehrte zurück. Für mein Publikum tue ich doch alles :-)

Mit der schnell einbrechenden Dunkelheit verabschiedeten wir uns nach und nach von allen und gingen die letzten Stufen nach oben ins Hotel.

In dieser Nacht kam Mark nachgereist und wir holten ihn am Flughafen ab. Ein schöner spannender 2. Tag voller Eindrücke ging zu Ende.

Morgen würden wir mit dem Auto 15 Stunden durch das Land nach Fara van Gana reisen. Dort würden wir verschiedene Dörfer besuchen, in denen die Brunnenprojekte teils angelaufen, teils fertiggestellt sind.

Wir wären dann auch dem Urwald näher, auf den ich doch schon so sehr gespannt war.


Bis zum nächsten Tag!

Ingo.

 

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