Abteilbeobachtungen
04.10.2007
Ich bin gerade fertig mit meiner Promoreise und auf dem Nach Hause weg.
Bin von Stadt zu Stadt gezogen auf meinem Feldzug durch die Republik - 3 Wochen lang oft von morgens 06 Uhr bis Nachts 23:00 Uhr...
Hatte ne Menge Interviews, in denen ich auch immer etwas über mich erfahren habe, da ich bemerkte, dass man erst dann weiß wie man über eine Sache denkt, wenn man darüber redet - und ich habe viel geredet.
Da ich sehr froh bin über dieses Album und seine Ehrlichkeit und die Arbeit, die darin steckt, zu schätzen weiß, fiel mir das Reden auch gar nicht schwer. Ich könnte endlos quatschen über die CD, was oftmals zu völlig überzogenen Sendungen geführt hat. Leider wenige im TV - dafür aber im Radio.
Es war eine anstrengende, aber schöne Zeit.
Bald aber kann ich mich wieder der Musik widmen und auf Tour gehen oder neue Texte bearbeiten...
Jetzt sitze ich wieder mal im Zug im Bordrestaurant. Die Landschaft zieht wie gewohnt vorbei. Das Musikerleben findet zu gewissen Zeiten einen großen Teil in Autos , Fliegern oder Zügen statt.
Der Ausblick aus dem Fenster und die sich verändernde Landschaft werden zu Begleitern der Gedanken.
Manchmal ist man unbeeindruckt, weil man so viel fährt. Da zieht eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch mit Bergen, Flüssen, Burgen und Zauberwäldern an dir vorbei und... „na ja so sieht s nun mal aus in der Eifel“.
Ich lasse den Blick schweifen und die Gedanken, die immer da sind, laufen so schnell am inneren Auge vorbei, dass sie als einzelne Wichtigkeiten nicht erfasst werden und somit durch ihre Fülle sinnlose Konfettischnippsel ergeben, die ich als ein Nichts empfinde. Ein ständiges Gebrabbel in meinem Kopf.
Manchmal ist man abgekämpft und nicht ausgeschlafen. Doch dann funkt aus einer Ecke, einem Winkel des Bewusstseins heraus ein kleines rotes Licht, das mich daran erinnert, die Aufmerksamkeit nicht zu verlieren und ich besinne mich meiner Gedanken.
Ich schaue mich lange im Abteil um und lenke mein Interesse auf die Menschen, die hier im Bordrestaurant sitzen und speisen.
Weiter vorne links sitzt eine Gemeinschaft von 3 Männern Mitte 30. Sie trinken Bier und unterhalten sich. Davor sitzt ein Mann mit Laptop, der in einer Zeitung liest. Auf der gegenüber liegenden Seite rechts daneben jemand mit einem sorgenvollen Gesicht - hoher dunkler Haaransatz und nach unten gedrungenen Schultern. Er trägt eine Brille halb auf der Nase und sitzt dort schon 1 Stunde und schaut aus dem Fenster. Was er wohl denkt? Er reißt an seinen Fingernägeln.
Dann sitzt da ein Pärchen von adeliger und edeler Erscheinung. Sie sind beide so Anfang 50. Ihn sehe ich nur von der Seite. Er hat ein weißes Hemd an und trägt darüber ein blaues Jackett, hat graue Haare und sein Gesicht erinnert etwas an das von Sean Connery. Er hat diese geschwungenen Augenbrauen und einen kleinen dünnen Schnurrbart, wie der eines spanischen Großgrundbesitzers im 17ten Jahrhundert. Unten am Ärmel hat er jeweils drei goldene Knöpfe. Seine Frau oder Begleiterin schaut ihn an während sie erzählt. Sie spricht über das Reiten und wie schwer es sei am Anfang sich auf einem Pferd zu halten. Ihre Gesten sind ausladend und sie erzählt mit Freude. Imitiert das Reiten und das Halten der Zügel. Sie hat eine feine Hochsteckfrisur, ist schlank, hat einen tiefen Ausschnitt und sieht gut aus für ihr Alter. Mir schien als schaue er etwas durch sie hindurch. Jedenfalls ist er ruhigerer Natur. Auf ihre lebhafte Art geht er nicht ein, was mir den Eindruck vermittelt, dass sie sich noch mehr ins Zeug legt, aber dabei etwas unsicher scheint. Irgendwann wird es wieder ruhiger zwischen ihnen und später vernehme ich noch ein lautes Lachen von ihr, das beim Einatmen ein kleines Schweinegrunzen nicht zurückhalten kann. Ich hätte gern sein Gesicht gesehen. Sie passen irgendwie gut zusammen. Aber ich glaube nicht, dass sie sich schon lange kennen. Es schien mir auch, dass die eine oder andere Benimmregel zwischen ihnen steht. Wirklich entspannt sahen sie nicht aus. Aber die Kommunikation in solch feinen Kreisen fällt manchmal schwer zu deuten. Daher ist mein Einblick bestimmt verzerrt.
Ein Platz weiter in meiner Richtung sitzt ein Mann. Er isst in aller Ruhe einen Salat, was ihm aber irgendwie keinen Spaß bereitet und so lässt er auch ein Drittel davon über. Er mischt eben Pepsi Light und Mineralwasser und isst zum Abschluss ein Magnum, das tatsächlich knackt wie in der Werbung. Er macht mir einen sehr sympathischen Eindruck. Ist um die 58 - 60 Jahre alt. Breite Lippen mit viel Gesicht drum herum. Grau melierte kurze Haare. Er hat eine gesunde Gesichtshaut, einen dicken Schnurrbart und vorne viel Platz zwischen den Zähnen. Er erinnert mich ein wenig an Hape Kerkelings (Grevenbroicher Horst Schlämmer.
Eben stand er auf und ging auf Toilette. Sein Gang und die Haltung seines Armes, der gelähmt ist und den er mit der gesunden Hand hielt, verriet mir, dass er einen Schlaganfall hatte. Manchmal entweichen ihm kurze unbemerkte Worte, während er aus dem Fenster schaut. Sein Kopf schaut aber selten lang in eine Richtung - ständig dreht und wendet er ihn, schaut sich um. Er macht einen kontaktfreudigen Eindruck.
Ich bin mir sicher einen nett gemeinten Händedruck von ihm zurück zu erhalten, wenn ich ihm einen schönen Tag wünschte.
Bei der Beobachtung des Mannes kommen mir wieder all die Eindrücke und Erfahrungen in den Kopf, die ich während meiner Zivi Zeit gemacht hatte. Der Mann, den ich da betreute, hatte es in meiner Zeit nicht mehr geschafft seine Sprache zurück zu gewinnen und wäre auch nicht der Lage gewesen eine Zugfahrt alleine zu bestreiten. Er war im gleichen Alter wie der Herr hier im Zug. Er war ein sehr verbitterter Mann, der seinem Schicksal nicht so recht verzeihen konnte und mich als seinen Zivi als Leibeigenen betrachtete. Wir wurden nicht wirklich Freunde. Seine Frau verabschiedete mich am letzten Tag mit den Worten: „ Sie gehen jetzt wieder in ihr Leben zurück und ich muss in diesem bleiben.“
Der Mann vor mir bestellt seine Mahlzeit verständlich und hat seine Krankheit anscheinend gut überwunden.
Es macht mich ein wenig glücklich ihn zu sehen, denn das Leben, wenn es auch so manchen hart erwischt, gibt einem anderen dann doch wieder die Kraft und die Möglichkeit sich durchzubeißen.
Als er gerade geht, lächelt er mich an und wünscht mir einen schönen Tag und eine gute Weiterfahrt. Dass aber diese Annäherung jetzt zustande kommt, hat mit einem kleinen Vorfall zu tun, der sich eben ereignete während ich schrieb. Nichts besonderes, aber eben Folgendes: neben mir am Tisch gegenüber, haben sich 2 Menschen auf dieser Zugfahrt kennen gelernt. Ein älterer Musikprofessor, wie ich raushören konnte, und ein Mädchen um die 28, die zu ihrem Vater fährt, den sie selten sieht. Und jetzt will sie mit ihm Urlaub machen in Italien. Es schien mir, dass sie es genoss ihre Erfahrungen über dieses und jenes mit dem vermeintlichen Professor auszutauschen. Ihm gefiel es den Abstand zu jüngeren Leuten nicht zu verlieren und so hatten sich die beiden nicht gesucht, aber gefunden. Sie unterhielten sich angeregt und als sie über Klassische Musik sprachen, von der sie auch eine gewisse Ahnung zu haben schien, wollte sie etwas aufschreiben. Da keiner der beiden einen Stift besaß, fragten sie in meine Richtung danach. Ich glaubte im inneren meines Koffers einen Stift zu finden. Den müsste ich aber erst, schwer wie er war, oben von der Gepäckhalterung zerren. Ich stand auf, doch der Mann, den ich eben beschrieben hatte, kam mir zum Glück zuvor und hatte aus seiner Ledertasche Fix einen Stift zur Hand, den er beglückt den beiden reichte, während er mir freundlich zunickte.
Für einen Moment waren alle miteinander verbunden. Nach dem kurzen Gewusel, in dem sich einmal alle Blicke kreuzten, legte sich die „Aufregung“ und jeder machte da weiter wo er aufgehört hatte.
Die ganze Geschichte hat keine tiefere Aussage - es ist eben das, was so passiert. Manchmal werden es Songtexe, manchmal bleiben nur Eindrücke zurück, die man dem Cocktail der Erinnerungen hinzugibt.
Erinnerungen, die sich hinter den stärkeren Geschmäckern von Kokosnuss, Orange oder ZitroneBitterlemon verstecken.
... Euer Ingo.
PS: Und viel Spaß mit der neuen Platte ; )
