Das Tourtagebuch, Teil 1 bis Teil 3
17.12.2005
Teil 1
Da ich keine tagtäglichen Aufzeichnungen gemacht habe, kann ich nur eine Zusammenfassung der Erlebnisse wiedergeben, was den Vorteil hat, dass nur die wichtigsten Dinge beschrieben werden...
Unterwegs war ich mit Ansgar, meinem Tonmann und Tourmanager und drei verschiedenen Bands, bzw. Künstlern: KT Tunstall, The Boss Hoss und Vonda Shepard. Diese Bands haben einen logischen, logistischen Plan, wie sie Deutschland durchqueren. Da wir aber jede Tour nur für ein paar Konzerte begleiteten, kam es schon mal vor, dass wir einen Tag in Hamburg waren, dann nach Frankfurt fuhren, von da wieder zurück nach Hannover, um von da aus wieder nach München zu müssen. Da ich ein schlechter Autofahrer bin und nicht gerne fahre, hat Ansgar das Steuer in die Hand genommen, wofür ich ihm sehr dankbar war.
Manchmal quatschten wir wie aus Sturzbächen, während die Landschaft an uns vorbeiraste. Manchmal sassen wir fünf Stunden nebeneinander und nur die wichtigsten Informationen wie „ich muss Pippikacka-Hunger-Hunger-Durst“ plätscherten aus einem heraus. Es kam auch vor, dass wir kurzzeitig durchdrehten. Manche Tage sind wie gespannte Flitzebögen, dessen Pfeile nur auf das Konzert am Abend zielen und da muss man eben mal Druck ablassen. Und da Ansgar und ich keine Streithähne sind, fanden wir andere Wege den Reset-Knopf zu drücken, was wir zum Glück überlebten... FILM ANSEHEN
Weitere Geschichten und Toureindrücke folgen, der Pohlmann.
Teil 2
Ereignisreiche Orte sind Hotelbars. Nach einem Konzert ist man oft sehr aufgekratzt. Der Pfeil ist abgeschossen, das Ziel getroffen, der Tag abgeschlossen. Gespannt wird erst wieder am nächsten Morgen. Es ist 23.30h, zu früh fürs Bett und noch Lust einen zu trinken. Diese Art von Entspannung macht offen für alles, was um einen herum passiert... man ist nicht so in sich gekehrt.
An einem Abend saßen wir mal wieder in der Lounge einer Hotelbar. Ein Kumpel von mir war da und noch mit einem Mädchen verabredet. Als sie kam und die beiden zu flirten begannen, stand ich auf, setzte mich an die Theke und bestellte mir ein Bier. Es dauerte nicht lange, da kam ein alter Mann und setzte sich zu mir. Er fragte nach meinem Namen und was ich hier mache. Er sah sehr abgerissen aus. Da wir in einem 4 Sterne Hotel waren und der Mann schon sehr betrunken war, dachte ich, der Kellner würde ihn gleich rausschmeissen. Stattdessen bekam er einen frischen Vodka, den er bezahlte und runterkippte. Ich grinste ihn an und sagte, ich wäre verwundert, dass er, so abgerissen wie er aussähe, in eine Hotelbar kommt, um zu saufen. Er sagte, er wäre gerade aus dem Knast gekommen. Er hätte lange Zeit gesessen und sei jetzt 73 Jahre alt. Er wolle nicht gleich wieder in diese Dreckskneipen, sondern seinen ersten Abend in gepflegter Atmosphäre genießen. Mein Kumpel hinter mir war sehr beschäftigt, also lud ich ihn auf einen weiteren Vodka ein. Schon traurig, dachte ich, den ersten Abend in Freiheit und niemand da mit dem man ihn feiert. Dann erzählte er mir von seinem Leben und dass er im Knast viel Nietzsche gelesen habe. Er sagte, dass sein Leben eigentlich bis auf ein paar Kleinigkeiten sehr lebenswert gewesen wäre. Aber dann, weiß ich noch, machte er irgendwie im Kopf einen Sprung, schaute etwas seltsam drein und sagte, „es gibt allerdings Leute, die dürften gar nicht weiterleben“. Ich fragte, welche Leute er denn meine. „Vergewaltiger und Kinderschänder, die bring ich um, wo ich sie treffe.“ sagte er. „Die mach ich sofort kalt, denen knick ich den Kopf um.“ Er sprach in einer Weise darüber, wie ich früher während meiner Lehre den einen oder anderen Angestellen davon reden hörte, wie sie Katzen töteten.
„Hast du schon mal jemanden umgebracht?“ fragte ich jetzt, da es mir auf der Zunge brannte. „Deswegen habe ich gerade 15 Jahre im Zuchthaus gesessen. Und da triffst du solche Schweine zu genüge.“ Ich wollte gar nicht wissen was er im Knast mit denen veranstaltet hatte. Da ich zu der Zeit passenderweise Clockwork Orange gelesen habe, kamen mir sofort die Eindrücke vom guten alten ultrabrutalen Alex in den Kopf, der im Knast jemanden totschlägt.
Hinter mir die Turteltauben der Zuneigung. Die ersten Berührungen, begleitet von ihrem Lachen machten ihnen den Weg frei in die Nacht. Rechts neben mir der Zorn Nietzsches.... Gott ist tot oder so was. Er war bereit dem Leben eines jeden Unholdes eine Grenze zu setzten.
Ich bestellte noch zwei Bier. Bei so spannenden Piratengeschichten muss man zwangsläufig Bier trinken. Die Geschichte hat keine Pointe. Ich saß noch eine Weile bei ihm, versuchte ihm und mir zu erklären, dass das doch immer eine endlose Gewaltspirale ergäbe. Der eine bringt einen um, der wird wieder umgebracht aus Rache und so weiter. Man hinterlässt nichts als Schutt und Asche, kaputte Verhältnisse und alles wird immer nur noch schlimmer. Ich will jetzt hier keine Priesterrede anstimmen, aber als ich einem Freund die Geschichte erzählte, zitierte er Gandalf aus Herr der Ringe „viele die leben verdienen den Tod und manche die sterben verdienen das Leben... kannst du es ihnen geben Frodo? ..... Dann sei nicht so rasch mit deinem Todesurteil!
Und der dritte Teil vom Tourtagebuch folgt umgehend, der Pohlmann.
Teil 3
An einem anderen Abend kam ich aller bester Laune in die Hotelbar und setzte mich neben einen Typ mit rotdurchbluteten Augen, der Gedankenverloren ins Leere starrte. Als er mich bemerkte, sah er mich mit dem gleichen leeren Blick lange an. Er schien direkt durch mich hindurch zu schauen, obwohl er direkt in meine Augen sah. Ich lächelte breit und meinte „Na Mann, was ist bei dir denn so los?“ Er reagierte nicht sofort. So nach und nach fing er an zu grinsen, ohne seinen Blick abzuwenden. Auch sein Grinsen wurde immer bereiter und breiter und plötzlich griff er mit beiden Händen nach meinen Schultern, schüttelte mich und schrie ganz laut „Ein Mensch, ein Mensch, ein echter Mensch.“
„Das will ich meinen“, sagte ich und lachte. Dann lallte er in arabischem Akzent: „Dich schickt der liebe Gott zu mir. Ich sitze hier jetzt seit fünf Stunden ganz alleine und Trinke Whisky. Ich habe ganz alleine 1 ½ Flaschen Chivas Riegel getrunken“, verkündete er stolz. Die Kellnerin rollte mit den Augen und blies sich eine Sträne aus dem Gesicht. „Karin, zeig ihm meine Rechnung, sonst glaubt er mir nicht.“ Sie holte die Rechnung.
Ich meinte „Nein, nein, stimmt schon, ist ’ne wahre Meisterleistung. Du gehörst ins Atlantik zu Udo an die Bar.“ Sie zeigte mir die Rechnung 250 Euro in Bourben. „Du trinkst jetzt sofort einen mit mir ... Karin mach noch zwei!“ ... „Nein, Frau Karin, ich trinke bitte nur ein Bier und mehr soll es heute auch nicht werden.“ ... „Das kannst du mir nicht antun mein Freund.“ Ich Klopfte ihm beruhigend auf den Rücken und sagte: „Du sitzt jetzt hier seit 5 Stunden und säufst. Du weisst selber, dass du voll bist. Die Gäste sprichst du nicht an, die Kellnerin scheinst du auch in Frieden gelassen zu haben, sonst bekämst du ja keinen mehr. So sitzt du hier und lässt dich vollaufen und deine Gedanken multiplizieren sich ins Bodenlose. Zwischendurch hast du ein paar ordentliche Lichtblicke, aber du kannst sie mit niemandem teilen und den ein oder anderen guten Witz erzählst du dir selbst. Du bist allein, aber gut drauf. Dann aber kommen die Bösen Geister und erzählen dir was du alles falsch gemacht hast im Leben. Und du beschuldigst dich und andere vieler Fehler. Jetzt bist du richtig allein denn du bist nicht mehr mit dir. Und jetzt wird es richtig Scheiße und weil du eigentlich ein netter Kerl bist und keinem mit deinem Gejammer auf den Geist gehen willst, grübelst und schüttest du weiter in dich hinein ... na, was sag ich ?“ Er schaute mich an, als ob ich ein Gespenst wäre. „Du kannst Gedanken lesen, dich schickt der liebe Gott zu mir, du bist ein Engel.“ ... „Nein, nur Kellner.“ (natürlich bin ich Musiker, aber das passte jetzt besser.) Jetzt hätte ich ihm am liebsten „Zurück zu dir“ vorgespielt, das wäre gut gekommen.
Dann bekam er wieder diesen sehr leeren Blick. „Meine Mutter wird heute Nacht in dieser Stadt operiert und dabei vielleicht sterben. Eine schwierige Herzsache.“ ... Eigentlich kann ich das nächste Mal nach einem Konzert gleich in ein Bestattungsunternehmen rennen und mir Geschichten erzählen lassen, dachte ich bei mir. Ich sagte ihm, er brauche sich nicht all zu viele Sorgen zu machen da er, wenn er so weitertrinke, höchstwahrscheinlich den Löffel noch vor seiner Mutter abgeben würde ... Ich blieb noch eine Bierlänge und schickte ihn, der noch böse zu weinen begann mit den besten Hoffnungen zur Freude der Kellnerin ins Bett. Manchmal ist man eben machtlos.
Aber zum Glück gerate ich nicht immer nur an so traurige Schicksale. In München wollten wir, da es Wochenende war, noch ein wenig durch die Kneipen ziehen. Wir waren erst in einer Australian Bar, aber da gab es nur Kerle in meinem Alter mit Halbglatze und 3 Fernseher mit Sportprogramm. Nicht, das ich etwas gegen die Jungs hätte aber... stink langweilig!!!
Ich hasse Fernseher in Kneipen. Daher sind wir weiter in einen anderen Laden, dessen Namen ich vergessen habe. Es war zwar keine Australian Bar, aber da gab es auch nur Kerle und Sportfernsehen. Ich, und da stehe ich bestimmt nicht allein finde, eine Bar halt wesentlich spannender, wenn auch weiblich Gäste anwesend sind. Allein schon aus dem Grund, nicht immer nur traurige Söhne und Mörder kennenlernen zu wollen. Die dritte Bar war vom Publikum weitaus besser. Was ich immer gut finde an einer Bar, wenn dort richtig unterschiedliche Leute sind, mit unvereinbaren Verhaltensweisen und Aussehen jeden Alters und Geschlechts. Dort blieben wir und unterhielten uns recht angeregt über den bisherigen Verlauf der Tour. Aber auch hier bemerkte ich irgendwann, wollte sich bei uns wie auch bei den Leuten keine rechte Aufgeschlossenheit einstellen. So blieb doch wieder nur eine Lösung. Ab in die Hotelbar. ;)
Dort angekommen fanden wir eine gut gelaunte, spanisch sprechende Gesellschaft, die sich Klischeehafterweise mit Tequilla versorgte. Teilweise sprachen sie Englisch mit amerikanischem Akzent. Ansgar und ich setzten uns und plötzlich begannen die Herren einen Acapellagesang anzustimmen, der mich umhaute. Da ich ein großer Buena Vista Social Club Fan bin, war ich regelrecht aus dem Häuschen.
Hotelklo
Ich fuhr hoch auf mein Zimmer, holte meine Gittarre, stand wieder ganz nervös im Fahrstul nach unten und rannte zur Bar, hielt die Gittare hoch und... zwei große dicke Männer, die vor der Bar an einem Tisch standen, hielten mich auf und fragten was ich mit der Gitarre wolle. „Spielen“, meinte ich „die ganze Nacht am besten. Am liebsten aber wäre es mir wenn das einer der Herren dort drüben übernehmen würde.“ ... „Nix da, die Gitarre kommt weg. Jetzt wird keine Gitarre mehr gespielt. Die Bar ist gleich zu!“ Da die beiden so korpulent waren, im Anzug steckten und der eine so eine Art Bugatti-Brille trug, dachte ich, das wären die Hotelmanager und ließ die Gitarre enttäuscht sinken. Sollte ich jetzt Ärger machen, betteln oder oben im Hotelzimmer alleine auf dem Klo spielen? ... Hmmm.
Die Spanier am Tisch hatten mich schon erspäht, winkten mir freudig zu und gestikulierten, ich solle rüberkommen. „Ein Lied“, meinte ich. „Die Jungs da hinten haben es bestimmt voll drauf.“ ... „Nein, heute nicht mehr.“ Plötzlich kam die Kellnerin hinter der Bar hervor. Stellte sich zwischen uns und fuhr ihnen über den Mund. „Natürlich wird hier Gitarre gespielt, die Bar bleibt geöffnet. Das geht auf meine Kappe.“ ... Wow, was für ein Babe. Ich war schwer beeindruckt. Es war nur der Nachtwächter. Der weg war frei.
Jubelnd und ohne auch nur ein Wort vorher miteinander gesprochen zu haben, streckte ich ihnen die Gitarre entgegen. Musiker wechseln eine sehr internationale Sprache miteinander. Besonders wenn sie betrunken sind. Sie machten Musik ohne Unterlass bis früh 4:30 h. Und ich sass da, in meiner mexikanischen Badewanne und hörte zu. Für mich war es eine atemberaubende Nacht! Ich habe hier den Moment eingefangen, wo einer von ihnen seinen Koffer öffnet und die Trompete rauskramt. Daher auch das freudige Lachen kurz vorher: ANHÖREN . Auf dem kleinen Videostream ist kaum was zu erkennen, aber man bekommt vielleicht einen ungefähren Eindruck der Gemütlichkeit. FILM ANSEHEN Wer sich für die Band interessiert, der kann etwas im Internet unter www.spanishharlemorchestra.com finden ...
So, das war’s erstmal. Bald geht’s weiter mit neuen Geschichten. Ich warte noch auf einen kleinen Film aus Amerika von den Shepard Leuten ... bis bald, der Pohlmann.
