Hallo Leute,
05.04.2006
jetzt sind wieder 7 Tage rum und ich bin mit Ansgar einmal quer durch die Lande gefahren. Diesmal Xavier Rudd und Revolverheld. Ein echtes Kontrastprogramm. Da Revolverheld ja schon in er härteren Ecke zu finden sind und Rudd sich dem Blues Trance Bereich widmet. Letzterer ist in Australien ziemlich bekannt und spielt dort vor ca. 10.000 bis 18.000 Leuten. So hat wohl zum Beispiel Robbie Williams, der dort nicht so bekannt ist, bei ihm das Vorprogramm bestritten. Ich muss zugeben das ich von Xavier Rudd vor dieser Tour auch nicht viel wusste. Wir bekommen hier in Deutschland eben nicht viel mit. Das erklärt auch seine verhältnismäßig kleinen Konzerte hier, bei denen max. 300 Leute waren – diese Leute hatten jedoch einen grandiosen Abend.
Rudd ist eine One Man Show: umringt von vielen Instrumenten, die er bei Bedarf gleichzeitig spielt, was an sich schon ein verdammter Zirkus ist. Er hat 3 Didgeridoos, die in Metallhalterungen vor seinem Mund positioniert sind und allerlei Trommelmaterial um sich herum aufgebaut und singt viel von seiner Liebe zur Natur. Soweit ich weiß, hat er sein Haus tatsächlich draußen im Outback in der Wüste in Australien. Er ist dem Aborigine-Glauben angehörig und wenn ihm mit geschlossenen Augen zuhört, glaubt man nicht, dass man einen 27-jährigen, blonden Surfertyp vor sich hat. Seine Stimme klingt gar nicht „weiss“, wenn ich diesen Unterschied einmal vornehmen darf.
Gestern auf dem Weg nach München hörten wir die Nachricht, dass in Kanada wieder begonnen wurde 450.000 Sattelroben und 200.000 einer anderen Art zu jagen. „Jagen“ bedeutet dort: hingehen und totschlagen. Die Tiere sind an Land recht behäbig und haben nicht die Chance wegzulaufen. Man spart Munition und macht keine unnötigen Löcher ins Fell. Sie ziehen ihnen noch halblebendig die Haut ab ... ach Leute, ich könnte kotzen!!! Auf Grund der Überfischung des Meeres dort, haben die Fischer kaum noch was zu fangen und weil sie die Meere leer fischen, lassen sie verlauten, die Robben seien Schuld daran, dass es kaum mehr Fisch gäbe. Und jetzt haben sie wieder neue Jobs und die Luxusnutten dieser Welt neue Mäntel. Wenn man nur unverfroren genug lügt, kann man ganze Völker verarschen. In Kanada gibt es kaum Gegenwehr von seiten der Bevölkerung. Die sagen tatsächlich wir haben keine Jobs wegen den scheiß Robben ... Das hat uns im Auto sehr bewegt. Als wir an der Elserhalle in München ankamen und ich in den Backstage ging, saß Rudd’s Crew (von denen 3 aus Kanada kommen) vor den Laptops. Als ich ihnen erzählte was ich im Radio gehört hatte, brach es auch aus ihnen heraus und sie beklagten sehr lautstark über den „Fucking Pemierminister“, der den Weg für die Abschlachtung frei gemacht hat.
Wir saßen also dort rum und regten uns auf. Zudem war meine Stimme belegt und ich hatte ne scheiß Laune. Als Xavier bei mir in den Raum kam, blickte er mich an und fragte das obligatorische „How are you today ?“ und ich meinte aus Gewohnheit „Gut, alles cool“ ... dann stockte ich und sagte „Nein Mann, gar nicht so gut.“ Ich erwähnte kurz die Sache aus Kanada, machte aber kein Ding mehr daraus weil einen die Hilflosigkeit manchmal zu dumpfem Dahinstarren verdammt. Man denkt darüber nach, was man alles selbst so falsch macht ... Das Fleisch, der Fisch, die billigen Krabben, die Möbel, das Holz, das Auto, die Luft, die heiße Dusche, der Luxus – alles fällt in sich zusammen und du stehst vor diesem Scherbenhaufen, den du selbst in dieser Welt hinterläßt. Xavier ging kurz weg und kam mit einem Stück zusammengedrehter Eukalyptusbaumrinde zurück. Er Fragte mich, ob ich damit einverstanden wäre, wenn er die bösen Geister besänftige; der Geruch würde ihn an seine Heimat erinnern. Ich wusste nicht, was jetzt passieren würde, stand auf und meinte, dass das jetzt wohl das Richtige wäre. Er ließ sich von Ansgar ein Feuerzeug geben, zündete das Stück Holz vorne an, verteilte den Rauch um mein Gesicht und sprach etwas zu mir in einer Sprache, die mir völlig fremd war. Schwer zu glauben, aber das war eines der wirkungsvollsten Hilfeangebote, die ich je bekommen habe. Ich war überwältigt und musste tatsächlich meine Tränen runterschlucken (da ich an dem Tag sowieso zu nah am Wasser gebaut war). Er lächelte und ging ... Rudd ist 27 Jahre alt, ich 33 – und es fühlte sich an, als wäre ich 6 und er 83, wenn ihr wisst, was ich meine. Wenn einem so etwas so unvermittelt passiert, ist man echt von den Socken. Auch hier kann ich wieder nur „danke“ sagen, dass ich die Möglichkeit habe, solche Leute kennenzulernen. Der anschließende Gig, den ich an diesem Abend spielte, war sehr schön und ich war innerlich so ruhig wie nie ...
Bis demnächst. Ingo
