Hallo Leute,
12.06.2006
erstmal Danke für all die tollen Einträge in meinem Gästebuch. Macht richtig Laune das zu lesen. Den Ring und den Park zu spielen ist, neben dem Rockpalast, natürlich was ganz Großes und so haben wir es auch zelebriert. Vorher gab es noch mal eben ein Video auf Mallorca zu drehen, abends noch schnell nach Wien zum ersten Mal in Österreich spielen und am nächsten Tag noch mal schnell nach Eberswalde.
Aber alles der Reihe nach. Das Video:
Irgendwann in den letzten Wochen bekam ich Bescheid, dass wir den Sommersong doch noch mal ins Visier nehmen und ein Video drehen. Das heißt für den „Jungen“, dass er noch etwas warten muss, bis er sich richtig verliebt :-).
Da die Single auch im Rest von Deutschland immer mehr im Radio läuft, hatten wir gute Argumente noch mal da ran zu gehen. Ihr müsst wissen, dass Videos, wenn sie gedreht werden, noch lange nicht bei Viva oder MTV angenommen werden. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie viel Geld von Plattenfirmen jeden Monat in den Wind gehauen wird, weil das Video keine Rotation bei den Sendern bekommt.
Bei Goldjunge, meiner alten Band, war es so, dass eben sehr viel Geld ausgegeben wurde und das Video eben nicht angenommen wurde. Und dann steht seitens einer Plattenfirma bald kein Geld mehr zur Verfügung und du bist ganz schnell raus aus dem Deal. Es werden jede Woche ca. 40 Videos eingereicht, davon max. 3 oder 4 ausgewählt. Das sind 10 bis 12 im Monat von 160, die angeboten wurden. Da könnt ihr euch ja die Chancen ausrechnen. Durch einen Videodreh stehst du mit einem Bein im Grab. So habe ich es eben mitbekommen und daher war ich zu dieser Zeit sehr angespannt. Abgesehen davon, sagt ein Video vieles über dich aus. Wir haben damals bei Goldjunge ein Video gedreht, mit dessen Look ich im Nachhinein gar nicht zufrieden war und so was hängt dir auch nach. Daher war ich dieses mal besonders aufmerksam. Nach langem hin und her bezüglich einer neuen Story haben wir uns dann entschieden, die Malleversion zu nehmen. Aber stellt euch bloß nicht vor: ab in Flieger, ein paar schöne Tage und dabei ´n Videodreh. Ich hatte nicht mal Zeit den Finger ins Meer zu stecken ...
Wir sind natürlich nach Malle geflogen, weil das Wetter die letzten Wochen da so steil war – was man von unserem Sommer, wenn es jetzt auch wieder schön ist, nicht sagen kann. Im Flugzeug angekommen, legte ich mich erstmal zurück. Ich sollte 8 Outfits meiner Wahl, in denen ich mich wohl fühle, mitbringen, damit wir vor Ort entscheiden können, was ich als Ingo 1, 2, 3, 4 anziehe. Die Klamotten + Gitarre und das Rock am Ring- Park Equipment waren schon ne echte Schlepperei. Ich musste alles dabei haben, da ich erstmal nicht nach Hause kommen sollte.
Im Flugzeug schlief ich schnell und unbekümmert ein und wurde plötzlich von einem heftigen Rumpeln der Maschine geweckt. Als Laie meint man ja gleich seinen verdammten Fallschirm rauskramen zu müssen. Ich schau dann immer in die Gesichter der kessen Stewardessen mit ihrem "Wrigles-Spearmint-Grinsen" das mir sagt: alles cool!! Nur wenn sie so aussehen, als müssten sie das Toilette gehen mit einem Lächeln überspielen, wird es kritisch. Dann greif dir deinen Fallschirm und drängle dich vor :-) Das Schlimmste aber war, dass wir kurz vor der Landung in Palma 4 oder 5 Wolkenschichten durchbrechen mussten und ich mir dachte, ob wir aus versehen wieder zurück nach Hamburg geflogen wären. Als dann noch Regen mit ins Spiel kam schrie ich nur: “Fuck, Fuck, Fuck, wenn jetzt Sommer wär, Fuck!!!“ Ich kann ein echter Pessimist sein.
Immer, wenn ich nach oben schaue und das Wetter schlecht ist und der Himmel Wolken verhangen, dann frage ich mich ganz ernsthaft: „wie sollen die den bloß alle wieder verschwinden ? Das wird ja nie was.“ Und wenn das Wetter geil ist und der Himmel blau, dann denke ich immer: „Von wo soll denn da was kommen? Die Welt ist gerettet.“ Der liebe Gott wird mich mit diesem Spiel wohl mein ganzes Leben übers Ohr hauen.
Also, nachdem ich aus dem Flugzeug raus bin und mich diese gefühlten 10 Grad im Juni so an Hamburg erinnerten, ging es mit einem riesigen Flughafenbus, der seine Front skurriler Weise nach links und rechts öffnen konnte, zum Koffer abholen. Dieser Bus erinnerte mich an die Dinger, mit denen sie in Alien 1 um die Häuser zogen. Im Flughafengebäude traf ich die Kameraleute und wir fuhren zum Hotel. Dann ging es noch schnell etwas Essen. Mit dem Regisseur und den anderen waren wir so 12 Personen, die alle dabei waren um ein Pohlmann-Video zu drehen. Nach dem Essen, ich hatte Melone mit Schinken und Oliven, die so süß und lecker waren, wie man sie eben nur da bekommt, ging es zurück ins Hotel. Dort checkten wir die Klamotten und gingen gegen 2 Uhr nachts ins Bett pennen, um nach 2 ½ Stunden zu erwachen. Auf der Uhr steht 4:30h! Man fängt früh an und hat am Ende doch wieder zu wenig Zeit. Das kennt jeder, der so was schon mal gemacht hat.
Das Wetter an diesem Morgen war wieder etwas unheilvoll. Denn wenn es auch seltsamerweise ein wolkenfreier Himmel war, gab es doch am Horizont wieder tiefe, graue bis schwarze Wolken, die langsam in unsere Richtung zu kommen schienen. Ich dachte nur: „Diese verdammten Hunde kommen näher und ich höre sie schon bellen.“ Aber man beruhigte mich immer und sagte, das Wetter auf Malle kann den Eindruck machen, dass es stürmt, aber plötzlich sei alles weggeblasen. Wir befänden uns auf einer Insel, da sei immer alles anders. Ich möchte euch nicht mit den Wetterverhältnissen auf Mallorca langweilen, aber wie ihr ja wisst, steht das Wetter im Zenit des Songs und wenn es an diesem einzigen Tag scheiße wäre, könnten wir einpacken und einen Plan B gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht
Wir begannen das Video erst mal chronologisch mit der Badezimmerszene in einer Pension weit ab vom Strand. Ich selbst habe etwas Hemmungen zu schauspielern und hatte es auch nicht vor, aber die Story arbeitet etwas damit und man wächst ja an seinen Aufgaben (Was für ein braver Junge(-:) Ich kam erst nach und nach in die Gänge, aber irgendwann hat es so viel Spaß gemacht, dass manches überraschenderweise von selbst ging.
Das Schöne war, wir konnten alle miteinander kreativ arbeiten. Es gab immer irgendwelche Ideen die spontan umgesetzt wurden. Und alle diese Ideen sind jetzt im Video enthalten, was mich sehr freut. Die Sache, dass ich wieder zurück in die Tasche steige, dass auf dem Auto „Zwischen Heimweh und Fernsucht“ steht, oder dass ich das Feuer ausblase (geiles Ding von Tim), das sind alles Einfälle gewesen, die vor Ort vom Himmel vielen. Der Appetit kommt bekanntlich beim Essen, das bestätigt dieses Sprichwort.
Danach ging es dann zum Strand. Der Strand liegt direkt an einer Straße, die in die Berge führt. Also, am Fuße dieser Berge. So konnten wir die Sache mit dem Auto machen, ohne uns vom eigentlichen Drehort zu weit entfernen zu müssen. Soll heißen: zwei unterschiedliche Drehorte (Straße und Strand) an einem Platz. Das war schon klug ermittelt. Eine Drehgenehmigung gab es, die Polizei war vor Ort und das kleine Restaurant gab seinen Parkplatz frei, damit wir die Autos parken konnten.
Wofür das kleine verträumte Restaurant am Ende des Tages plötzlich 1000 Euro haben wollten, was Null ausgemacht war. Bähhh, Pfui, Spinne!!!
Noch mal zum Wetter... und jetzt zum letzten Mal. Die meisten von euch kennen das Video ja schon und ihr wisst ja wie es ausging. Nachdem der liebe Gott uns noch mal so richtig hat schwitzen lassen, indem er es auf dem Weg zum Strand hat regnen und donnern lassen, kam er zu dem Entschluß, mit einem hämischen Grinsen die Wolkendecke für uns frei zu reißen, so dass wir den ganzen Tag die allerbesten Wetterverhältnisse hatten, die man sich nur vorstellen konnte. Die Welt war frisch gewaschen. „Das Meer war so blau wie der Himmel und der Himmel so blau wie das Meer und wo sie sich trafen, konnte man nicht sagen. Ob die Vögel durch das Wasser flogen oder die Fische durch die Luft schwammen“ (Das hab ich aus dem Film „Stadt der verlorenen Kinder“ – kann ich empfehlen wie Sau). Aber so war es. Der Sonnenuntergang zum Schluß war wie auf einem Plakat in einem türkischen Imbiß.
Das ich mich selber vier mal darstellen sollte führte dazu, dass ich und meine Partnerin uns ständig umziehen mußten, was stellenweise auch etwas anstrengend war. Es werden letztendlich ca. 5-10 Prozent des gedrehten Materials für ein Video zum Einsatz kommen. Wir haben von 6:00 in der Früh bis 22:00 Uhr gedreht. Eine ½ Stunde Pause gemacht. Rein ins Auto. Wieder raus. Anderes Outfit. Wieder rein. Die Straße lang fahren. Anderes Outfit! Ab zur Bushaltestelle und dann die Autopanne ... immer wieder umziehen. Dann runter zum Strand. Raus aus der Tasche. Rein in die Tasche. Umziehen, umziehen, umziehen. Mach mal so und jetzt so ! Jetzt bist du der, jetzt der. Das ganze ca. 16 Stunden lang. Alle waren konzentriert und es lief wie am Schnürchen, wofür ich dem Regisseur Alex Diezinger und seinem Team an dieser Stelle wirklich großes Lob aussprechen möchte!!! Danke Leute das war echt Klasse!!!
Wir kamen nur etwas in Zeitdruck, weil wir so lange auf David Copperfield warten mußten. Der verrückte Hund. Er hatte uns die Sache mit der Tasche gezeigt. Das mit dem vier Mal Ingo war lediglich ein leichter Kameratrick, den man schon bei Alanis Morissette gesehen hat. Aber für die Taschennummer bedurfte es schon echter Magie. Dieses Geheimnis ist natürlich unter strengster Geheimhaltung preisgegeben worden. Daher darf ich euch nichts Näheres darüber berichten. Er hatte sich auch nur darauf eingelassen, weil wir ihm im Austausch das Geheimnis des Lagerfeuer- Ausblasens in drei Zügen verraten haben. Ich arbeite gerade dran da Fortschritte zu machen: von 3 auf 2 auf 1 mal blasen und dann nur noch angucken - aus! Aber das braucht noch....
Tja und dann wollte ich unter Magierkollegen dem guten alten geleckten David noch ein Bier spendieren, damit er sich locker macht. Doch plötzlich ... Leute was soll ich sagen ... war er weg! Hatte nicht mal „Tschö mit Ö“ gesagt oder „Haut rein, Leute, ich bin dann mal weg“, „Good Bye“, „Adiós muchachos“, „Astra la vista“, „Mach’s gut, Sponge Bob“. Nichts. Ich hab nur noch einen Löwen auf einem weißen Elefant (meinem weißen Elefant) übers Meer reiten sehen und dachte bei mir: das muss er sein, der alte Haudegen, das alte, alte Schlitzohr. Da hab ich ihm hinterher gelacht und gedacht, der macht bestimmt ganz viel das Eine ...
So, nun aber weiter im Text: Das einzig Chronologische in der Abfolge der zu drehenden Szenen, war der Anfang und das Ende des Videos. Denn nachdem ich das Feuer ausgeblasen hatten, was eben die letzte Szene und somit der krönende Abschluß des Drehtages war, setzten wir uns voller Zufriedenheit, munter und kaputt gleichzeitig in das nette kleine Restaurant und tranken Bier (ohne David), während sich die anderen noch mit dem Restaurantbesitzer rumärgern mußten. Alles in allem ein aufregender Tag voller Magie !!!
Im Hotel ging ich dann ins Bett, hatte 3 Stunden schlaf und fuhr zum Flughafen. Dann ging es Richtung Köln zu Rock am Ring, wo es auch früh los ging für mich und die Band, aber davon erzähl ich später ...
Bis dahin, euer Pohlmann
