Pohlmann - König der Straßen

Hallo Leute,

20.06.2006

 

weiter im Text – nachdem ich also morgens aufgestanden bin ging es wieder zum Flughafen. Schade, denn schon nach einem Tag musste ich dieses Paradies von Insel wieder verlassen. Es war irgendwie auch wie in dem „Wenn-jetzt-Sommer-wär-im-Winter-Video“, in dem ich vor der Phototapete stehe, wie auf dem Holodeck der Enterprise. Da wir keine Zeit hatten, uns auf die Bilder einzulassen, kam mir auf dem Rückflug nach Köln alles ganz unwirklich vor. Wir waren da, nahmen die wertvollsten Aufnahmen mit, rissen an Atmosphäre an uns was wir kriegen konnten und packten es ein bzw. auf ein Band. Wie bei einem Banküberfall. Schnell rein, wieder raus und die Taschen voll Gold :-)

In Köln angekommen ging es sofort mit meiner Band, Christian Neander, Hagen Kuhr und Dirty in einem Bus zum Ring. Auf dem Ringgelände fuhren wir auf der Rennbahn zur „Alterna-Stage“. Und wenn man bedenkt, dass hier schon so fixe Jungs wie uns Schumacher oder Häkkinen ihre Runden drehten, waren wir gar nicht mal so schnell.
Eigentlich war ich nicht so aufgeregt. Wir haben jetzt schon einige Gigs zusammen durchgezogen. Die Uhrzeit, 14:30, ob nun Ring oder nicht ist jetzt auch nicht der Wahnsinn. Ich dachte mir, „wir spielen vor so 20 Leuten, die sich mühselig aus ihren Zelten schleppen und eigentlich mehr damit zu schaffen haben, ihren Kater zu bezwingen als Musik zu hören“. Abgesehen davon will bei dem Line-up ja auch jeder seine Kräfte für abends sparen und und und ... kurzum: ich habe nicht mit viel Ansturm gerechnet. Wer aber seine Erwartungen runterschraubt, wird doch öfter überrascht im Leben.

Vor dem Konzert machte ich mit meinem Mädel noch einen kleinen Spaziergang und plötzlich stürmten vier aufgeregte Jungs auf mich zu und erzählten mir, wie toll sie meine Musik fänden. Jeahhh!! Und als der eine meinte (Auf seinem Shirt stand „Henning“, was mich an meinen Wegbegleiter Henning Wehland erinnerte), er wäre nur da wegen Pohlmann und Metallica, hab ich mich sehr gefreut. Es zeigt mir das dieses Schubladendenken in Deutschland überholt werden muss. Ein Beispiel sind Radiosender die eine klare Struktur brauchen, um mit einer klaren Botschaft eine bestimmte Hörerschaft an sich zu binden mit welcher sie arbeiten können und eben Geld zu verdienen. Ein Stück weit ist das auch gut so damit man sich irgendwo zuhause fühlen kann. Aber diese Strukturen brechen gerade auf - zu Gunsten der Vielfalt. Schon lange prophezeit, aber keiner wusste genau wann dieser Zug einfährt. In Radiointerviews bekomme ich immer noch häufig die Frage gestellt, wie das zusammengeht: Henning Wehland als mein Manager mit seinem Crossover-Brett und meine sanften Klänge. Ich finde die Frage immer komisch. Du kannst doch ein System of the down Fan sein, Pantera hören, zu Audioslave oder The Hives abrocken und dich trotzdem in die sanften Klänge eines Ben Harpers, einer Norah Jones, Damian Rice oder Jack Johnson verknallen. Musik bedient ein weites Spektrum an Farben des Seelenlebens. Sie ist, wie keine andere Kunst, in der Lage, Gefühle in allen Ecken und Winkeln deines Seins aufzuspüren und quasi "anfassbar" für dich zu machen. Eines der größten Geschenke, das wir bekommen haben. Man sollte dieses Geschenk nicht zu Gunsten von Formaten der Medien, an die sich die Masse orientiert, den Leuten vorenthalten. Professor Pohlmann Ende.
Zurück zu Rock am Ring ... Tja und dann kam alles wieder ganz anders. Wir gingen auf die Bühne. Dieser andere Henning und seine Jungs warteten schon mit 20 Leuten, die sich aus ihren Zelten gequält hatten und ... Nein, nicht ganz so schlimm, aber vor der Bühne ging zu Anfang nicht so viel, aber nach und nach spürten wir was es bedeutet bei Rock am Ring zu spielen. Ich hoffe, ich übertreibe nicht, aber am Ende standen ca. 300 Leute da, die sich mit uns über diesen Gig freuten, als würden sie selbst mit uns da oben stehen. Ich weiß, dass die meisten, die beim Ring auftreten vor Tausenden vor Menschen spielen und für die 300 ein Witz ist. Für uns aber war es der Anafang der Reise, auf der sich diese Leute schon lange befinden. Und du kannst jeden fragen, der Anfang ist immer das Beste und Intensivste ... Dann mussten wir schon wieder recht schnell los Richtung „Parkhotel“.

Auch dort ging es am nächsten Tag früh los. Wir hatten aber noch Zeit nach dem Soundcheck im Backstage rumzuhängen. Dort liefen allerlei seltsame Leute rum. Unter andern eine asiatische Band die sich anmahlte wie M. Manson und seine Jungs. Ich weiß nicht, was die für Musik machten aber die sahen heftig aus. Dann gab es da noch diese mexikanische Gang. Und die Jungs sahen aus, als würden sie jedes Wochenende an einem Hamburgerwettessen teilnehmen.
Also im großen und ganzen ist mir aufgefallen, sei es im Park oder am Ring, bleiben die Leute im Backstage jeweils unter sich. Keiner geht an den Tisch eines anderen und fragt mal was so läuft. Alle sind nett aber etwas distanziert. Viele machen erst nach ihrem Gig auf und sind zu Gesprächen bereit, aber vorher muss man sich etwas beweisen. Mir geht es manchmal so, muss ich sagen. Dann aber passierte mal wieder etwas besonderes. Als ich meine Gitarre zum Stimmen auspackte, begann Hagen draußen allein auf seinem Cello zu spielen. Etwas Klassisches. Die Klänge seines Cellos flossen durch die unter Druck stehenden Köpfe und öffneten dort ein paar Ventile. Das war die Königsdisziplin. Ich selbst höre klassische Musik zwar wenig, aber immer wenn Hagen alleine vor sich her spielt trifft mich der Schlag. Ich kann auch gar nicht sagen, woher dieses Gefühl kommt. Ob Trauer oder Freude es ist für mich unbegreiflich und sehr, sehr schön.
Nach und nach wich bei vielen die Anspannung und manche setzten sich ehrfurchtsvoll neben Hagen und lauschten. Für den Moment waren alle beisammen wie in diesem Kriegsfilm, in dem jemand mitten zwischen den Fronten beginnt auf einem Flügel zu spielen, worauf das Feuer eingestellt wird und man sich zum Waffenstillstand am Piano trifft. Auch wenn sich das alles etwas pathetisch anhört aber so empfand ich diesen Moment. Mit dieser Ruhe im Bauch betraten wir die Clubstage und auch hier war zu Anfang wenig und zum Schluss viel los. Was aber hier bedingt durch das Zelt etwas besser war, war der Sound. Das brachte richtig Spielfreude und ein saugutes Gefühl, um sicher die Songs zu spielen. Die Stimmung in dem Zelt war noch ausgelassener, sodass ich diesmal gerne auch von unten zugeschaut hätte. So langsam konnte ich mich wieder gut daran erinnern, wie geil Festivals sein können. Ich muss nämlich gestehen, dass ich schon lange auf keinem Festival gewesen bin.

Danke an die Ringrocker !!! Und danke, ihr Parkrocker !!! Es war mir eine Ehre.

Direkt nach dem Park hatte ich noch ne halbe Stunde und musste dann mit einem Shuttle direkt zu meinem nächsten Gig gefahren werden. Shuttle ... das hört sich immer an, als ob man zum Mond fliegen will. Doch diesmal ging es nach Wien. Man gab mir nur die Info, dass ich dort gegen 22:30 in einem JazzClub spielen sollte. Es wären dort Radio-Leute und die Virgin aus Österreich, die sich mal was von mir anhören wollten. Nach 5 Stunden Fahrt hatte ich 2 Stunden im Hotel in denen ich fast eingepennt wäre. Dann ging mein Wecker und ich in die Hotellobby. Dort wurde ich dann schon erwartet von einem Mädchen der Plattefirma. Sie meinte das der Gig verschoben wurde auf gegen 24:00. Kacke am nächsten Tag um 5:00 Uhr raus, das heißt 4 Stunden Schlaf. Egal jetzt war ich schon da und ich gehe nicht gerne unverrichteter Dinge. Wir gingen etwas essen und fuhren dann in den Jazz Club. Der Laden war aufgeteilt in 3 Clubs die miteinander verbunden waren. In dem Raum in dem Ich auftreten sollte, spielte gerade eine russische Polka Band und da sie sich zu Fünft richtig ins Zeug legten, konnte man sie auch ohne jeglichen Verstärkerkram gut verstehen. Während ich so zuhörte und bemerkte, wie die Leute richtig in Wallung kamen, fragte ich mich, ob für mich denn Verstärkung vorgesehen wäre, denn die Menschen veranstalteten unglaublichen Lärm. Schön, aber laut. Ihr könnt euch vorstellen wie viel Spaß es macht zwischen 300 Leuten, die gerade kurz davor sind eine Polonese zu veranstalten „Morgen schon“ oder „Das Leben Ist“ zu singen. Klar, „Wenn jetzt Sommer wär“ könnte da was bewirken. Aber ich fahre nicht nach Wien, direkt nach einem Hammer „Rock im Park“ Gig, um nachts gegen 24 Uhr mal eben ein Lied zu spielen. Sollte tatsächlich Presse da sein, kann man sich eher was kaputt machen, als irgendwelche Furore. Aber ehrlich gesagt, Presse war gar nicht anwesend

Der Veranstalter sagte mir, es ginge dann um 1:00 los und es gäbe keinerlei Verstärker. Ich war natürlich drauf und dran wieder ins Hotel zu fahren. Aber da ich schon mal da war ... Er meinte, es gäbe noch eine Möglichkeit auf einer anderen Bühne: die „Blues Bühne“. Da könnte ich aber erst um 2 Uhr drauf. Ich schaute mir etwas genervt die Bühne an. Ok, da war ne kleine Bühne in nem Hinterraum in dem auch eine kleine Bar war, ein Mischer und 2 Boxen. Was soll ich sagen, 5 Leute saßen im Kreis und spielten Karten und sie nannten es die „Blues Bühne“. Besonders einladend kamen mir die Leute auch erst mal nicht vor. Sie gehörten zu dem Kerl, der vor mir spielen sollte. Gut, ich dachte mir: „Dann eben für die Plattenfirma“. Ich rechnete mir noch 2 ½ Stunden Schlaf im Hotel aus und wartete. Ich bestellte mein erstes Bier und so langsam wurden wir warm miteinander. Ich setzte mich mit den 4 Leuten, die wegen mir da waren hin und wir tranken und erzählten uns was. Normalerweise trinke ich vor einem Gig nie etwas, weil ich dann nie ein Ende finde und andere Sachen :-) ... Tja, die Zeit verging und weil ich ja schon mal da war, betrat ich endlich um 2 Uhr nachts die Bühne. Ich begann. Der Sound war widererwartend gut.
Nach den ersten 7 Songs war der Laden angefüllt mit Leuten, die tanzten und sich in den Armen lagen. Ich wiederum wiegte mich zufrieden in einem leichten Bierrausch und mir gefiel alles sehr gut. Aber als ich aufstehen und gehen wollte, wollten sie eine Zugabe ... Ich bestellte auf diesen unerwarteten Erfolg hin mein erstes Glas Rotwein und setzte mich wieder. Das war ungefähr der Zeitpunkt, an dem es mir ziemlich scheißegal war, ob ich noch Schlaf bekomme. Ich spielte noch ungefähr 1 ½ Stunden weiter bis der Laden einmal voll war und kurz vor seiner Schließung wieder leer. Als mir die Saiten rissen, sah ich dies als unmißverständliches Zeichen, die Segel zu streichen. Wir saßen dann noch eine ganze Weile zusammen und feierten in den Morgen hinein. Es war sau schön.

Der Blues Typ, der vor mir gespielt hatte, kam noch an den Tisch und meinte etwas abschätzend, dass man die Bühne immer als Gewinner verlassen solle. Ich schaute ihn an und meinte, dass ich zu keinem Kampf angetreten wäre. Er schaute etwas doof und sagte, dass er es eine Frechheit fände, dass ich Namen von Blusern in Texten verarbeite ohne ihre Musik zu kennen. Ich sang ein Stück von Danko Jones (Get yourself a woman) in dem ein gewisser „Robert Johnson“, sein Name in Ehren, vorkommt. Gott, man kann es nicht jedem Recht machen. Was für ein miesepetriger Brummbär. Aber nichts desto trotz war es eine denkwürdige Nacht.

Um 5 Uhr torkelte ich mit meinem ganzen Gepäck am Wiener Flughafen rum und hatte 3 verschiedene Schalter aufzusuchen. Einmal um mein Ticket zu bekommen, einmal um meine Gitarre als Sperrgepäck auf zu geben und einmal um an den Air-Berlinschalter zu gelangen, der in einem anderen Terminal lag. Gott ... und dann die Rennerei bis zum Eincheckschalter. Ich war fertig !!! Ich schlief im Flugzeug wieder sehr schnell ein. Als wir landeten erwachte ich und bemerkte, dass mir der Speichel aus dem Mundwinkel läuft. Hmmmmmm ... es gibt bestimmt würdevollere Anblicke :-)

Geflogen - gelandet! Nachdem Koffer abholen ging es wieder in ein Hotel. Dort konnte ich etwas pennen bevor Hagen, Ansgar und ich nach Eberswalde fuhren, um den nächsten Gig zu bestreiten. Auf dieser Veranstaltung traf ich dann auch wieder die Jungs von Revolverheld, die mich mit ihrer guten Laune wieder etwas aufrichteten. Aber was soll ich sagen. Wir machten keine Fehler, ich sang gut. Alles Cool. Eigentlich ein einwandfreier Gig, aber die Leute an diesem Tag haben wir nicht packen können. Ich sah die ganze Zeit durch die Reihen, der ca. 3000 Leute und fand immer nur fragende Gesichter. Ein paar aber kannten den Sommersong und hatten Spaß. Manchmal schafft es die Musik alleine nicht, alle vom Hocker zu reißen. Dann fragt man sich, lag es an mir oder an den Leuten. An diesem Tag war es wohl von beidem ein bisschen. Tja, solche Gigs gibt es auch. Der Veranstalter fand’ es zwar toll, was schon mal gut war, aber ich bin infiziert und weiß jetzt wie sich ein tolles Konzert anfühlt. Das hat nichts mit der Masse zu tun. Die 100 Leute in Wien im Ostclub, die mich 2 Stunden nicht hatten gehen lassen und bis in den Morgen tanzten, gaben mir alles zurück was ich gegeben hatte. Rock am Ring oder Park und die Jumparena Konzerte hatten mir schon echt imponiert. Ich wollte euch das auch mal erzählen, dass es nicht immer nur super Konzerte gibt und alles immer megageil ist. Es gibt auch Momente, da ist die Luft eben mal raus.

Das ganze ist jetzt eine Woche her und ich hatte schon wieder einen ganz phantastischen Gig in Plauen.

euer Pohlmann.

 

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