Pohlmann - König der Straßen

Die Surfmesse ... oder: in den Sand gesetzt

06.10.2006

 

Ich wache auf, es ist 5:30 Uhr, Mittwoch der 1. November, mein Mädchen liegt neben mir und sie braucht noch ein paar 100 Meter, bis sie der Morgen holt und sie zur Arbeit muss. Draußen ist es noch Nacht, doch irgendwie sind die Umrisse der Gegenstände in ihrem Zimmer wie durch einen Restlichtverstärker zu erkennen. Jetzt ist es Herbst. Der Regen prasselt gegen die Scheiben der Balkontür und kommt mir vor wie eine schöne, teilnahmslose Untermalung meiner Gedanken. Was für ein Sommer!!! Einiges hat sich größer entwickelt als zuvor eingeschätzt und manches nicht.

Meine Gedanken gehen Streife, begutachten das Gewesene und schauen in die Zukunft. Nächste Single, Video, die Tour und Songs für die nächste Scheibe. All diese Dinge stehen Schlange und kämpfen um Aufmerksamkeit, bis die Wirklichkeit sie schlucken wird und in Ereignisse verwandelt, die zu Vergangenheit werden - meiner Vergangenheit.

Die Geräusche des Regens klopfen sich wieder in mein Bewußtsein und ich erinnere mich an meine Maurerlehre, denn ungefähr um diese Zeit steht man auf. Würde ich jetzt lieber in der Kälte bei dem Regen draußen stehen???

Natürlich kann ich jetzt nicht mehr schlafen. Ich starre noch eine Weile an die Decke, bevor ich vorsichtig aufstehe und vom Schlafzimmer in die Küche schleiche. Es ist ein komisches Gefühl so früh (für meine jetzigen Verhältnisse) wach zu sein. Es kommt einem vor, als würde die ganze Welt schlafen und man wäre der Einzige, der die Augen aufhält ... aufhält ? Wonach aufhält ? Ich haue mich aufs Sofa im Wohnzimmer und der Klick auf die Fernsehbedienung reißt mich raus aus meinen Gedanken und entführt mich in Kriegsberichterstattungen und Mangas, Speckweggürtel, "Ruf mich an-Tourismus", Wahrsagerinnen und allerlei Trickbetrügereien. Das ganze ramschige Rotlichtviertel der TV-Nacht hustet noch einmal seinen Rotz aus, bevor es am Tage wieder Moralapostel spielt, um die Menschen, die sich von seinen Angeboten angezogen fühlen und dazu neigen, ihr Leben in Schutt und Asche zu legen, zurechtweisen zu können.

Was für ein toller Plan. Man zieht Profit aus ihren Begierden, um ihnen danach in Form von Lichtgestalten den Weg zu weisen. Oh heilige Arabella, Mutter Vera am Mittag erhöre mich. Ich bin ein Looser, hol mich hier raus !!!

Diese Programmacher argumentieren damit, dass es an jedem selbst ist, was er schaut und was nicht. Hör mir auf mit freiem Willen. Die wissen genau, wie schwach der Mensch ist und wie leicht zu haben. Wie schnell man uns hinters Licht führen kann. Die haben gar kein Interesse daran, wirklich Kraft und Mut zu machen. Es würde doch immer nur noch mehr Menschen geben, die anfangen kritisch zu denken und dann den Fernseher abschalten ... Jetzt mach ich mich wohl ein bisschen breit was ? ... Also weiter im Text .

Als ich so durch die Programme rutsche, stoppe ich plötzlich bei einem Bild mit zwei Männern, die vor einem See im Grünen stehen und sich unterhalten. Einer der beiden heißt Harald Lesch und ist Astrophysiker und so eine Art TV Physiklehrer. Ihr könnt den mal "googlen" da findet ihr Einiges. Vielleicht besser bekannt in seiner Zunft ist Ranga Yogeshwar. Da ich immer sehr interessiert daran bin, was die zu sagen haben, bleibe ich dran. Der andere ist ein kath. Theologieprofessor, und sie unterhalten sich über den Unterschied von „allein sein“ und „einsam sein“ in Bezug auf Gott.
Der Theologe kam bei seinen Gotteserklärungen meiner Meinung nach ins Straucheln. In der Bibel steht ja nicht um sonst "macht euch kein Bild von mir". Trotzdem hatte ich das Gefühl, er redet über einen alten Mann mit Bart :-)
Dieser Lesch hat es mir mal wieder gezeigt. Meinem Empfinden nach Spüre ich mit „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ eine größere Nähe zur sagen wir mal „Schöpfung“, als mit all dem scheinbar „sicheren Glauben", den mir ein Gottesfürchtiger bieten kann. Ich kann nicht sagen, ob ich an Gott glaube, aber ich kann über ihn nachdenken und das Kritisieren gehört für mich ebenso dazu. Das Gespräch der beiden machte mich munter, und ich empfand diesen seltsamen Start in den Tag als äußerst belebend.

Am Nachmittag traf ich meine Band bei mir zu Hause, denn wir spielten abends einen Gig auf einer Surf- und Segelmesse hier in Hamburg. Ich kann übrigens gar nicht Surfen. Hab zwar mal einen Windsurfschein auf dem Wörthersee gemacht, was natürlich und mit Recht, von jedem echten Surfer belächelt wird. Zudem war ich zu faul für die Theorie, sodass mein Papa mit 100 DM aushelfen musste – wenn ihr wisst, was ich meine :-)
Die Proben bestritten wir wieder bei mir im Zimmer. Dank an meine Nachbarn, die sich noch nie beklagt haben. Ich könnte es ja als Kompliment auffassen, aber bei denen kommt sicher nicht mehr an als das „Bumm, Bumm“ der Cajón (Schlagzeug) an.
Bei der Messe angekommen, wurden wir herzlichst vom NDR -Team empfangen. Vor der Bühne in dieser riesigen Messehalle war ein großer Strand aufgeschüttet worden, mit „Relax-Sesseln" und Caipi-Bar. Wir machten unseren Soundcheck und wollten uns irgendwo flachlegen, was aber nicht wirklich möglich war. Also schauten wir uns die Messe an. Von kleinen Schlauchbooten zu majestätisch monströsen Pornoluxussegelschiffen war da alles, was im Atlantik so versucht, über Wasser zu bleiben. Bei diesen Riesendingern wird man richtig ein bisschen eingeschüchtert, und bei Werten um die 3,5 Millionen Euro pro Schiff weiß man auch, dass man so ein Ding nie besitzen wird. Sicher, sicher wozu auch ? Macht es denn letztlich glücklich ? Es gibt Menschen, die kommen sich nach so einer Show wertlos vor. Ich horche in mich hinein und spüre die Gier, die ins Leere greift. Der Traum derer, die ihren Golf zum Ferrari machen, um sich groß zu fühlen – ich kann es fühlen und plötzlich kommen mir Worte in den Sinn „Was des Reichen lieb und teuer, das ist des Armen Ungeheuer.“ Hab ich vor langer Zeit mal gehört und jetzt machte es irgendwie wieder Sinn .

Nach 1 1/2 Stunden Glotzen waren wir wie erschlagen. Ich wurde plötzlich unglaublich müde. Der Tag hatte ja wirklich früh angefangen. Also legte ich mich an den Strand in mein brennendes Bett :-) und schlief ein bisschen. Irgendwann kam dann die Band Asher Lane und versuchten den vertagten Abend dieser neonlichtdurchfluteten Messehalle mit Musik zu füllen. Übrigens Sonja, die Bassistin dieser Band, war früher in den letzten Tagen von "Goldjunge" (meiner alten Band) dabei. Sehr coole Bassistin !
Asher Lane spielten 4 Lieder und dann passierte es: die Lautsprecheranlage blieb aus.. Der Sound war extrem leise, worunter das Gefühl der Musiker leiden musste, obwohl sie es ganz profimäßig überspielten. Ich wusste nicht, was passiert war, aber es gab ein Problem, was gleich sicher auch unseres sein würde. Die Band schlug sich durch, brach aber nach 2 weiteren Liedern ab und ging, was ich sehr gut verstehen konnte.
Hinter der Bühne ging es drunter und drüber, und ich konnte erfahren, dass der Veranstalter der Messe das Pult zu gedreht hatte, da ihm die Musik für den Messeverkehr als zu laut vorkam. Die Frau vom NDR entschuldigte sich bei der Band und erklärte, dass sie gerade einen „Scheißstress“ hinter sich hätte, um das Ruder noch mal rum zu reißen, aber de Typ ließe sich auf nichts ein. Dann drehte sie sich zu mir und meinte, wir könnten die Gage behalten und müssten nicht auf die Bühne, wenn wir unter so schlechten Bedingungen nicht spielen wollten. Hmmmmmm ..? Was machen ..?

Also ich liebe ja solche Unfälle. Sie geben einen unmittelbar die Möglichkeit, die Sache neu und frischer zu gestalten, als geplant. Das ist Evolution. Das ist Buddhismus. Nimm die Energie die sich dir
entgegenstellt und kehre sie um. Mach sie zu deinem Schwung !!! Siehe alle Jacky Chan Filme, Bruce Lee war darin auch nicht schlecht ;-)

Gut, also. Wir haben 2 Akustik-Gitarren und unsere Geheimwaffen, das Cello und die Cajón. Dann setzen wir das Ding eben richtig in den Sand und gehen da raus und spielen ohne die Verstärker zwischen den „Relax-Sesseln" ... Natürlich machte uns diese Idee nicht zu den Erfindern der Unplugged-Show, aber es war gewagt. In der Halle wurde viel geredet, sie war laut und mindestens 400 Meter hoch (in Escht). Die Leute gingen hin und her, wie sagt man: „rege Betriebsamkeit" herrschte.

Prof. Dr. Harald LeschDie Musik hätte also völlig ins Leere laufen und ich als heiserer Schreihals enden können. Ich kenne das aus diversen Kneipennächten. Es gibt wahrhaft Würdevolleres. Es war Dirtys letzte Show in diesem Jahr, da er bei der Tour selbst anders verplant sein wird. Er war skeptisch. Hagen und Kai wussten, dass es kritisch war, fanden es aber geil. Also rein ins kalte Wasser der Bootsmesse. Als die Ansage kam, wir würden ganz ohne Verstärkung im Sand spielen, kam bei den Leuten Freude auf was Mut machte. Wir nahmen also unsere Instrumente und setzen uns an diesen Strand. Das Raunen wurde weniger und ich begann die Sache nochmals mit normaler Stimme zu erklären. Dann begannen wir mit „Heimweh und Fernsucht“ und es wurde immer leiser. Als ich die Augen nach dem Song öffnete, gaben sie uns einen Applaus, der uns nach Hause brachte.Immer mehr Leute kamen und lauschten und weil immer mehr Leute ruhiger wurden, wurden immer mehr Leute ruhiger. Seltsam. Eine Messehalle, kaltes Neonlicht, die Eindrücke der millionenschweren Luxussegelschiffe, die einen an das nächste doofe 50 Cent Video erinnern. Und mittendrin spielten wir uns frei. Gegen Ende kamen wir zu dem Lied „Zurück zu dir" und irgendwann zu der Stelle „komm setz dich und nimm es leicht, hier wo das Vergessen sich weiterreicht, komm setz dich und nimm es leicht, wir trinken auf Gottes Einsamkeit" ! (Danke Harald Lesch)

Der Tag schloß sich am anderen Ende des Kreises ;-) und ich spürte wieder, warum ich diese Zeile überhaupt singe.

Euer Pohlmann

 

zurück zur Übersicht

 


© 2010 - Impressum
EMI - Gute Musik ist besser

Pohlmann

offizielle Seite von Ingo Pohlmann

Neues Album: Fliegende Fische